Die konnektionistische Kritik am Kognitivismus
Die klassische Kognitionstheorie steht vor
einem Problem: Sie ist nicht vereinbar mit bestimmten Ergebnissen der experimentellen
Psychologie. Gegen die klassischen Kognitivisten wenden sich daher konnektionistische
Theorien, die ein schlüssigeres Kognitionsmodell entwerfen. Ich will
nun zunächst den Text von Oaksford, Chater &
Stenning, "Connectionism, Classical Cognitive Science and Experimental
Psychology" als Leitfaden benutzen, um den Konnektionismus zu skizzieren.
Es hat sich gezeigt, daß es wesentliche Unterschiede zwischen
der Funktionsweise des Gehirns und der eines Computers gibt - so werden
Daten in einem Computer an einem bestimmten Ort gespeichert, unbeeinflußt
von anderen Daten. Falls das Speichermaterial an dem entsprechenden Ort
beschädigt wird, sind die dort gespeicherten Daten verloren. Wenn
das Computer-Modell der Kognition zuträfe, müßte es sich
mit der Datenspeicherung im menschlichen Gehirn genauso verhalten - dies
ist jedoch nicht der Fall. Das Gehirn kann auch beschädigte oder unvollständige
Daten rekonstruieren, sie müssen folglich ,,holistisch'' gespeichert
sein ("content addressable''). Die Speichermethode des Gehirns gleicht
demnach der eines Neuronalen Netzes.
Neuronale Netze bzw. "parallel distributed processing (PDP)"-Systeme
sind Computer-Architekturen, bei denen an die Stelle eines Zentralprozessors
viele kleine Prozessoren treten, die gleichzeitig arbeiten und von denen
jeder
mit jedem verknüpft ist. Der einzelne Prozessor erhält Signale
von anderen Prozessoren oder von ,,außen" (d. h. von besonderen Input-Einheiten,
die etwa den Sinnesorganen beim Menschen entsprechen), summiert diese Signale
und gibt seinerseits beim Erreichen eines bestimmten Schwellenwerts ein
Signal ab. Von großer Bedeutung ist dabei, daß die Stärke
der Verbindungen zwischen den Prozessoren variabel ist. Dadurch wird ein
solches System lernfähig, denn das Netz selbst kann die Stärken
(oder ,,Gewichte") regulieren und so bei einer vorgegebenen Aufgabe anhand
von Beispielen seine Leistung immer mehr verbessern.
In einem solchen Neuronalen Netz ergibt sich je nach Input ein spezifisches
Aktivitätsmuster.
Jedes Aktivitätsmuster ,,repräsentiert" also eine bestimmte
Information, wobei jedoch auch Teile von Aktivitätsmustern bereits
für selbständige (Teil-) Informationen stehen können. Diese
knappe Beschreibung kann hier genügen, um das erwähnte Phänomen
der Fehlertoleranz zu erklären: Auch wenn nicht das ganze Aktivitätsmuster
aufgerufen wird, sondern nur ein Teil davon, kann das Netz (falls jener
Teil groß genug ist) das spezifische Muster identifizieren und den
fehlenden Teil ergänzen, so daß die jeweilige Information korrekt
erkannt wird.
Oaksford, Chater und Stenning kommen zu dem Ergebnis, daß das
konnektionistische PDP-Modell in bezug auf das Gedächtnis
und auf das Denken der menschlichen Kognition
adäquat ist, während der klassische Kognitivismus als widerlegt
gelten kann.
Eine Frage bleibt dabei jedoch unbeantwortet: Was wird aus dem Ich
in dem konnektionistischen Modell?