Das Ich als Reptil
Die konnektionistische Theorie führt
zu einem Problem, das oft übersehen wird: Wenn die Kognition wie ein
Neuronales Netzwerk funktioniert, wer kontrolliert dann dieses Netzwerk?
Wo steckt das ,,Ich"? Der konnektionistische Gehirnforscher Günther
Palm hat sich dieser Frage gewidmet. Seine Antwort lautet: Derjenige
Gehirnteil, der wie ein Neuronales Netz arbeitet, ist der Cortex. Unter
ihm befinden sich primitivere Teile (das limbische System), das Gehirn
der Reptilien sozusagen, unser evolutionsgeschichtliches Erbe. Palm vermutet
nun, daß dieses limbische System unser ,,Ich" darstellt - das Reptil
in uns hätte ,,lediglich mit dem riesigen assoziativen Speicher in
unserer Großhirnrinde ein äußerst leistungsfähiges
zusätzliches Hilfsinstrument erhalten." Der Cortex wäre
demnach ein Organ zum Zwecke der Informationsspeicherung, für den
Menschen nicht wichtiger als Magen oder Milz. Das Ich, das jenes Neuronale
Netz kontrolliert, wäre das archaische Instinkt-Wesen des limbischen
Systems.
Diese Theorie hat leider einen Haken. Wenn das ,,Reptil" im Menschen
den Cortex kontrollieren würde, wären wir keine Menschen - sondern
eben Reptilien. Gerade weil ein Reptilien-Hirn nur aus Kleinhirn und limbischem
System besteht, wird das Reptil von Instinkten beherrscht, d. h. von angeborenen
Handlungsabläufen, die von einem bestimmten Reiz ausgelöst werden
und dann ,,automatisch" ablaufen. Wenn das Reptil Hunger verspürt
(d. h. Sinken des Blutzuckerspiegels unter einen Schwellenwert), wird es
unverzüglich das ,,Programm Nahrungssuche" durchführen und jedes
eßbare Wesen in der Nähe bedenkenlos verschlingen. Wäre
Palms These richtig, müßte es auch beim Menschen so sein - würde
ich Hunger verspüren, wenn ich an einem Restaurant vorbeikomme, so
müßte ich instinktiv dem nächstbesten Gast die Pizza vom
Teller schnappen. Das tue ich jedoch nicht, stattdessen sage ich mir vielleicht
sogar, daß ich zwar Hunger habe, aber eigentlich schon zu dick bin,
und mir das Essen lieber verkneifen sollte. Ich kann meinen Instinkt also
in gewisser Weise kontrollieren - genauer gesagt: Das Ich kann den Instinkt
kontrollieren. Wie soll dann gleichzeitig der Instinkt das Ich sein?
Bei aller Vorliebe für rekursive Rätsel erscheint mir dies unmöglich.
Demnach ist das Ich nicht im limbischen System anzusiedeln, sondern muß
woanders gesucht werden. Interessante Thesen hat Douglas
R. Hofstadter hierzu vorgelegt.