Auch Douglas R. Hofstadter vertritt
eine konnektionistische Kognitionstheorie, und
die Frage nach dem Ich spielt bei ihm ebenfalls eine Rolle. Die Dialog-Figur
Achilles in dem Buch ,,Gödel, Escher, Bach" bringt das Problem auf
den Punkt: ,,Normalerweise glaube ich, daß ICH mein Denken beherrsche
- aber so, wie Sie es darstellen, kommt es gerade umgekehrt heraus. Es
klingt, als ob ,,Ich" einfach das bin, was sich aus dieser ganzen neuronalen
Struktur und den Naturgesetzen ergibt. Was ich als mein SELBST betrachte,
wird so im besten Fall zum Nebenprodukt eines den Naturgesetzen unterworfenen
Organismus und, im schlimmsten Fall, einem künstlichen, durch meine
verzerrte Perspektive entstandenen Begriff. In anderen Worten: Sie machen,
daß ich mir vorkomme, als wüßte ich nicht wer - oder was
- ich bin, wenn ich überhaupt etwas bin." (GEB 340)
In der Tat scheint in Hofstadters Kognitionstheorie das Ich einerseits
das Denken zu beherrschen, andererseits von ihm erst konstruiert zu werden
- dieser verwirrende Eindruck entsteht durch Hofstadters Verbindung des
Konnektionismus mit dem Kognitivismus. Zunächst
geht Hofstadter von der konnektionistischen Grundannahme aus, daß
Denken aus neuronalen Aktivitätsmustern besteht. Dann führt er
aber zusätzlich einen Symbolbegriff ein, den er (vielleicht etwas
zu leichtfertig) auf Aktivitätsmuster höherer Stufe bezieht.
Er betont dabei, daß sein Symbolbegriff sich von dem herkömmlichen
unterscheidet: ,,Meine ,Symbole' sind AKTIVE TEILSYSTEME eines komplexen
Systems, und diese setzen sich zusammen aus aktiven Teilsystemen tieferer
Stufe" (GEB 348) - damit unterscheiden sie sich von den herkömmlichen
Symbolen (z. B. Buchstaben), die bei Hofstadter passive Symbole
genannt werden. Die Aktivität der aktiven Symbole besteht darin, durch
die Einbindung in das System andere Symbole auszulösen. Sie sind also
"content addressable" gemäß dem konnektionistischen Modell.
Die Teilsysteme tieferer Stufe sind die Neuronen - die Symbole werden
also im Gehirn dargestellt durch umfangreiche, aus vielen Neuronen zusammengesetzte
Strukturen. Hofstadter betont jedoch (GEB 365), daß ein Begriff nicht
durch eine feststehende Gruppe von Neuronen symbolisiert wird. Stattdessen
können die neuronalen Aktivitäten sich überschneiden und
jedes einzelne Neuron Bestandteil von Hunderten von Symbolen sein - theoretisch
könnte sogar jedes Neuron funktionaler Bestandteil von jedem
Symbol sein (was Hofstadter allerdings für unwahrscheinlich hält).
Besonders wichtig ist der qualitative Sprung auf eine höhere Ebene,
wenn aus neuronaler Aktivität ein Symbol entsteht. Die Symbolstufe
enthält eine ganz neue Qualität, die auf der Neuronenstufe unbekannt
ist, weshalb Hofstadter großen Wert darauf legt, entweder von der
Neuronenstufe oder von der Symbolstufe zu reden, aber keinesfalls beide
zu vermischen (natürlich gibt es eine Art Schnittstelle zwischen den
Stufen, die zahlreiche Fragen aufwirft, aber diese Details muß ich
hier übergehen).
Was wir das ,,Ich'' nennen, ist für Hofstadter auf der Symbolebene
angesiedelt. Das Ich oder Selbst ist ein Symbol, allerdings ein sehr komplexes
Symbol, ja, ,,wahrscheinlich das komplexeste aller Symbole im Gehirn" (GEB
413). Aus diesem Grunde nennt Hofstadter es ein Teilsystem. Es gibt
jedoch keine kategorischen Unterschiede zu den Symbolen - ein Teilsystem
ist einfach ein sehr umfassendes Symbol, das viele andere Symbole kontrolliert
(was aber kein spezifisches Merkmal von Teilsystemen ist, denn alle Symbole
können andere Symbole ,,kontrollieren"). Daher erscheint die ,,Ernennung"
des Ich-Symbols zum Teilsystem etwas willkürlich. Wenn Hofstadter
dann einige Zeilen weiter unten offenbar alle Symbole, die andere
Symbole aktivieren können, als Teilsysteme bezeichnet, wird dieser
Begriff wieder zu relativer Beliebigkeit degradiert. Es bleibt unklar,
was das Ich-Symbol von den anderen Teilsystemen unterscheidet. So meint
Hofstadter, die Repräsentationen unserer Freunde bildeten in unserem
Gehirn Teilsysteme, und wenn ich mich mit einem Freund über Berge
unterhalte, dabei bedenke, welche Erfahrungen er mit Bergen hat, dann würde
ich das Symbol ,,Berg" unter Kontrolle des Teilsystems ,,Freund X" aktivieren.
Es erscheint mir jedoch sehr fragwürdig, auf diese Weise die beiden
Teilsysteme ,,Freund X" und ,,Ich" praktisch auf eine Stufe zu stellen.
Auch wenn man zugestehen würde, daß das Ich-Symbol an Komplexität
alle anderen Teilsysteme weit übertrifft, und daß es auch das
Teilsystem ,,Freund X" unter seiner Kontrolle hat (also doch nicht mit
ihm auf derselben Stufe stehen kann), wird Hofstadter dem ,,Ich" damit
nicht gerecht.
Etwas anders stellt sich Hofstadters Ich-Theorie in einem späteren
Dialog dar, der in dem Buch Metamagicum enthalten
ist. In dem Dialog geht es um eine merkwürdige Maschine, ,,Kranikulleum"
genannt, die das Gehirn versinnbildlicht. Es handelt sich um eine Art Flipper-Automaten,
in dem Kugeln hin und her flitzen, die teilweise zusammengehalten werden
von länglichen Metallstreifen, genannt ,,symbiotische modifizierbare
Membrane" oder abgekürzt ,,SyMMe". Eine kreisförmige Kugel-Ballung,
die durch diese SyMMen gebildet wird, heißt dann ,,SyMMball" ...
Man erkennt leicht Hofstadters Kognitionstheorie aus ,,Gödel, Escher,
Bach" wieder. Die Frage lautet nun: Ist in dem Kranikulleum ,,alles nur
ein Haufen synallagmatisch meschugger Murmeln, die da aufeinanderprallen"
(Metamagicum 663), oder gibt es darin ein ,,Ich"? Im Unterschied zu ,,Gödel,
Escher, Bach" ist nun keine Rede davon, daß das Ich ein SyMMball
sei. Der entscheidende Schritt ist, das Kranikulleum mit einem Wahrnehmungs-
und Sprechapparat auszurüsten. Es wird dann Äußerungen
von sich geben wie: ,,Ich habe da draußen ein grünes Licht gesehen."
Seltsamerweise führt Hofstadter diesen Gedanken, der das Ich in einen
wesentlichen Zusammenhang mit der Sprache bringt, nicht weiter aus. Er
schreibt später nur noch, das Ich sei eine ,,Abkürzung" (Metamagicum
677) - dabei bleibt jedoch offen, wofür es eine Abkürzung
sein soll. Offenbar für die sprachliche Selbst-Reflexion eines denkenden
Systems, aber wenn Hofstadter dies auch vermutlich meint, so schreibt er
es nicht explizit. Die Vagheiten machen deutlich, daß Hofstadter
sich bei der Ich-Thematik sehr unwohl fühlt, und lieber ausruft: ,,Halten
wir also inne, bevor wir im Sumpf stecken bleiben." (GEB 415).
Mutiger schreitet in dieser Frage der Konstruktivismus
voran.