4.1.4. Menschliche Wahrheit statt objektiver Wahrheit
Im 9. Kapitel polemisiert Nietzsche dann mit scharfer Feder gegen Eduard von
Hartmann, mit Argumenten, die teilweise eng an "Über Wahrheit und Lüge im
aussermoralischen Sinne" angelehnt sind. Hauptkritikpunkt an Hartmanns Metaphysik
ist, daß man bei ihm immer wieder "Welt, Welt, Welt hören [muß], da doch Jeder,
ehrlicher Weise, nur von Mensch, Mensch, Mensch reden sollte!"
Die Kritik an der
Metaphysik gipfelt dann in der bekannten, für Nietzsches gesamte Philosophie
programmatischen Stelle:
"Wozu die 'Welt' da ist, wozu die 'Menschheit' da ist, soll uns einstweilen gar nicht
kümmern, [...] aber wozu du Einzelner da bist, das frage dich, und wenn es dir Keiner
sagen kann, so versuche es nur einmal, den Sinn deines Daseins gleichsam a posteriori zu
rechtfertigen, dadurch dass du dir selber einen Zweck, ein Ziel, ein 'Dazu' vorsetzest, ein
hohes und edles 'Dazu'. Gehe nur an ihm zu Grunde - ich weiss keinen besseren
Lebenszweck als am Grossen und Unmöglichen, animae magnae prodigus, zu Grunde zu
gehen."
Nietzsche schreibt im folgenden Satz, daß er "die Lehren vom souverainen Werden, von
der Flüssigkeit aller Begriffe, Typen und Arten, von dem Mangel aller cardinalen
Verschiedenheiten zwischen Mensch und Thier" zwar für wahr, aber für tödlich halte.
Dieser Gedanke klingt nach "Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne"
überraschend, denn jener Text bricht ab, bevor Nietzsche die Konsequenz seiner
Erkenntnisse ausführte: Die Einsicht, daß Wahrheit anthropomorph ist, führt zu einem
radikalen Skeptizismus. In einer solchen Skepsis, stellt Nietzsche fest, könne jedoch
niemand leben. "Wir müssen über diese Skepsis hinaus, wir müssen sie vergessen!", heißt es in den Notizen aus dieser Zeit. Aus diesem Grunde sind die Kunst und die
Illusion für den Menschen notwendig. Da die Fixierung auf Erkenntnis nur zur
Verzweiflung führen kann, muß der Skeptiker zum Künstler werden: "Nicht im
Erkennen, im Schaffen liegt unser Heil! Im höchsten Scheine, in der edelsten Wallung
liegt unsre Größe. Geht uns das Weltall nichts an, so wollen wir das Recht haben es zu
verachten."
Mit der Verachtung des Weltalls und der ausschließlichen Konzentration auf den
Menschen, auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und der Kultur, wird auch für
Nietzsche wieder "Wahrheit" möglich, und nicht nur möglich, sondern nötig. Es ist eine
"Nothwahrheit" (als Gegensatz zur Notlüge), "dass der Deutsche keine Cultur hat"
-diese
Notwahrheit muß der jungen Generation vermittelt werden, um die Entwicklung
einer Kultur überhaupt möglich zu machen. Der scheinbar widersprüchliche Gebrauch
des Begriffs "Wahrheit" bei Nietzsche klärt sich hier zumindest ansatzweise auf:
Demnach ist es (wie in "Über Wahrheit und Lüge" ausgeführt) sinnlos, von
metaphysischer Wahrheit, von Wahrheiten über das Weltall zu reden. Es ist allerdings
sinnvoll, kulturelle Wahrheiten festzustellen, also Wahrheiten innerhalb jenes "Begriffsdomes
aus Spinnefäden". Wer sich, wie Nietzsche, ein kulturelles Lebensziel setzt, um
sein Dasein zu rechtfertigen, der braucht auch den festen Glauben an kulturelle
Wahrheiten.
Noch einmal verdeutlicht Nietzsche seinen Gedankengang: Die Wissenschaft ist
lebensfeindlich, weil sie, konsequent betrieben, unvermeidlich zu radikaler Skepsis
führen muß, und damit wird das sichere Fundament, auf dem das menschliche Leben
ruht, untergraben.
Da nun das Leben ein höherer Wert als die Wissenschaft ist, muß es
vor dem uneingeschränkten Erkennen geschützt werden. Die Gegenmittel dazu sind
Kunst und Religion, sowie das Unhistorische, d. h. die Kraft, vergessen zu können.