2.3.3. Der pathetische Untergang der Wahrheit


Die Verschiebung der Perspektive ist jedoch mit ihrer Kennzeichnung als spezifische Perspektive Heraklits noch nicht abgeschlossen, sie geht weiter und führt zu ihrer völligen Umkehrung. Mit einer heftigen, verzweifelten Bewegung fegt Nietzsche alles wieder hinweg, was er zuvor entwickelt hatte (hier finden wir wohl auch jene "Schroffheit", die Cosima so irritierte):
"Die Wahrheit! Schwärmerischer Wahn eines Gottes! Was geht die Menschen die Wahrheit an!
Und was war die Heraklitische 'Wahrheit'!
Und wo ist sie hin? Ein verflogener Traum, weggewischt aus den Mienen der Menschheit, mit anderen Träumen! - Sie war die Erste nicht!"

Die "Wahrheit aus Liebe" scheint verschwunden, hier bezieht sich Nietzsche wieder rein auf den herkömmlichen Wahrheitsbegriff, der mit radikalem Skeptizismus angegriffen wird. Es könnte sogar ein "gefühlloser Dämon" den Glauben an die Wahrheit mit folgender Fabel charakterisieren:
"In irgend einem abgelegnen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte, aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mußten sterben. Es war auch an der Zeit: denn ob sie schon viel erkannt zu haben, sich brüsteten, waren sie doch zuletzt, zu großer Verdrossenheit, dahinter gekommen, daß sie alles falsch erkannt hatten. Sie starben und fluchten im Sterben der Wahrheit."
Nietzsche fügt jedoch konjunktivisch hinzu, dies würde das Schicksal des Menschen sein, wenn er nur ein "erkennendes Thier" wäre, wobei vermutlich die Betonung auf "erkennendes" liegen soll. Statt Wahrheiten sind dem Menschen nur Illusionen zugänglich, sie bilden sogar die Grundlage des menschlichen Lebens. Die Natur verschweigt dem Bewußtsein sogar die animalischen Abgründe des eigenen Leibes, und so ruht der Mensch "gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend." Diese Textpassagen sollen eingehender interpretieren werden, wenn sie in "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" wieder erscheinen. In "Ueber das Pathos der Wahrheit" steht nun ein daran anknüpfender Absatz (mit dem dieser Text dann endet), der in "Wahrheit und Lüge" fehlt:
"'Laßt ihn hängen', ruft die Kunst. 'Weckt ihn auf' ruft der Philosoph, im Pathos der Wahrheit. Doch er selbst versinkt, während er den Schlafenden zu rütteln glaubt, in einen noch tieferen magischen Schlummer - vielleicht träumt er dann von den 'Ideen' oder von der Unsterblichkeit. Die Kunst ist mächtiger als die Erkenntniß, denn sie will das Leben, und jene erreicht als letztes Ziel nur - die Vernichtung.-"
Hier spricht Nietzsche sich also eindeutig für die Kunst aus und gegen die Erkenntnis - zumindest gegen das, was er hier als das "Pathos der Wahrheit" bezeichnet. Dieser Begriff, der, wie der Titel anzeigt, den Hauptgegenstand des Textes ausmacht, ist bemerkenswert vieldeutig. "Pathos" ist übersetzbar mit: Schicksal, Leiden, Unglück, Leidenschaft, Verlust, u. a. m. - Nietzsches Ausdruck könnte also sowohl "das Leiden an der Wahrheit" bedeuten, wie auch "die Leidenschaft zur Wahrheit", oder neutral "das Schicksal der Wahrheit", oder "das Unglück der Wahrheit", oder "der Verlust der Wahrheit". Wahrscheinlich war er sich all dieser mitklingenden Bedeutungen bewußt. Bezieht man die Formulierung auf Heraklit, so liegt die Interpretation als "Leiden an der Wahrheit" am nächsten. Nach der Perspektivenverschiebung tritt die Bedeutung "Leidenschaft zur Wahrheit" in den Vordergrund, und die ist ein Unglück, weil sie letzlich den Verlust der Wahrheit zur Folge hat.