2.2.2.2. Nietzsches Thesen zum Gedächtnis
Neben den Empfindungen sind auch die Reflexbewegungen und das Gedächtnis
Ureigenschaften der Dinge. Demzufolge findet man sie schon in der Chemie - ein
Stoff verhält sich bei der Berührung mit einem anderen entsprechend, weil er es so
gelernt hat. Er wird bestimmt durch Lust und Unlust. Die ganze Logik der Natur ist
ein Lust- und Unlustsystem - damit reicht die menschliche Erkenntnis viel tiefer ins
Wesen der Dinge.
Nietzsche geht in diesem Zusammenhang so weit, der Materie
eine Art "freien Willen"
zuzusprechen - eine verblüffende Umkehrung der sonst
üblichen materialistischen Argumentation: Nicht der menschliche freie Wille ist
"nur" ein Ergebnis chemischer Prozesse, sondern die chemischen Prozesse selbst
sind bestimmt durch einen freien Willen. Auch wenn für Nietzsche beide
Argumentationen ihre Gültigkeit haben, so setzt er durch den Verzicht auf das
abwertende "nur" einen bewußten Akzent - nicht Abwertung des Menschen, sondern
Aufwertung der Materie.
Die Darstellung des Gedächtnisses als Ureigenschaft bedeutet, daß es von einem
Nervensystem unabhängig ist. Nietzsche unterscheidet vom einfachen Gedächtnis
jedoch noch das Gedächtnisbild - dies sei eine seltene, höhere Entwicklung.
Sein
Begriff des Gedächtnisbildes fällt also zusammen mit der gewohnten Vorstellung
des von einem Nervensystem abhängigen Gedächtnisses.
Ein weiterer Gedanke, der an die dargestellte Bewußtseinstheorie anknüpft, ist
Nietzsches Vermutung, der Mensch könne nichts vergessen. Das würde bedeuten,
"alle Formen, die einmal vom Gehirn und Nervensystem erzeugt sind, wiederholt es
von jetzt ab so oft. Eine gleiche Nerventhätigkeit erzeugt das gleiche Bild wieder."
Es ist faszinierend, wie Nietzsche hier Freuds Theorie vom Unbewußten
vorwegnimmt. Natürlich gibt es Unterschiede: Nietzsche geht nicht auf die Kindheit
ein, und darauf, daß Kindheitserlebnisse prägender wären als spätere Eindrücke.
Aber die Annahme, daß der Mensch nichts vergißt, sondern alle Eindrücke im
Gehirn (nicht im Bewußtsein, sondern "darunter") speichert, impliziert auch die
Kindheit. Nietzsches Notiz ist allerdings auch eher erkenntnistheoretisch als
psychologisch gemeint; es geht ihm nicht nur um den Charakter oder die Psyche des
Menschen, sondern um die Frage, wie dessen gesamte Wahrnehmung sich
entwickelt.