5. Nietzsches Perspektivenwechsel: "Menschliches, Allzumenschliches"

Die verbreitete Ansicht über Nietzsches philosophische Entwicklung (vor allem, wenn man seine Schriften nur oberflächlich gelesen und überhaupt wenig Sympathie für Nietzsche hat) lautet so: Seine frühe Philosophie war eine ästhetische Metaphysik. "In einer zweiten Periode (1878-1882) springt Nietzsche plötzlich zur theoretischen Lebensform über, wird 'Wissenschaftler', will jetzt voraussetzungslos sein, reiner Kritiker und Positivist. Nun vernimmt man die herkömmlichen Töne gegen die Metaphysik, das Lob des freien Geistes, das Bekenntnis zum Naturgesetz und seiner Kausaldetermination. Man meint, einen französischen Aufklärer vor sich zu haben. Was ihm bisher verpönt war, war er jetzt selbst geworden: Intellektueller und Sokratiker." Dagegen setze ich die These, daß an dieser vereinfachten Darstellung fast jede Einzelheit falsch bzw. verzerrt ist.

5.1. Der Bruch mit Wagner als Auslöser des Perspektivenwechsels

Die erste Frage lautet: Sprang Nietzsche 1878 "plötzlich zur theoretischen Lebensform über"?
Es sei konzediert, daß hier mit dem Jahr 1878 kein konkretes Datum gemeint ist: Es war das Jahr, in dem "Menschliches, Allzumenschliches" erschien (im April), aber natürlich hatte Nietzsche längere Zeit an dem Buch gearbeitet, jene plötzliche Wende muß also früher gesucht werden. Als ein Ereignis, das mehr oder weniger den Charakter eines plötzlichen Umbruchs hat, kommt nur eines in Betracht: Nietzsches Loslösung von Richard Wagner.
 Nietzsche flüchtete im August 1876 von den Vorbereitungen der Bayreuther Festspiele nach Klingenbrunn im Bayrischen Wald, wo er die ersten "psychologischen" Aphorismen notierte, die später in "Menschliches, Allzumenschliches" aufgenommen wurden. Als Grund für seine Flucht nannte er gesundheitliche Beschwerden, aber seine Kopfschmerzen waren vermutlich (wie häufig bei Nietzsche) psychosomatischer Natur. Wahrscheinlich hatte Wagner ihn "durch Nichtbeachtung, Demütigung, gutmütigem Spott nach Art des Hauses" gekränkt, und dazu kam eine generelle Enttäuschung über das Bayreuther Projekt, die Nietzsche später schilderte: "Wo war ich doch? Ich erkannte nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. (...) Was war geschehn? - Man hatte Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner geworden!" Nietzsches Hoffnungen seit der "Geburt der Tragödie" hatten sich Bayreuth als eine Art Neugeburt der antiken Dionysien ausgemalt, als ein Forum graecophiler Künstler und Philosophen - stattdessen erlebte Nietzsche Bayreuth nun als "Kultstätte des antisemitisch-'christlichen' Chauvinismus", wo sich keine Dionysosjünger trafen, sondern biedere Bürger, Adelige, und sogar König und Kaiser. Wenn Nietzsche Wagner kaum wiedererkannte, so lag das vor allem daran, daß sein Bild von Wagner mehr von seinen eigenen Idealen bestimmt war, die er in Wagner hineinprojizierte, als von der Realität. Sehr aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang eine abfällige Bemerkung Wagners über Hölderlin, den Lieblingsdichter Nietzsches in jungen Jahren, den Nietzsche auch später noch (zumindest bis Mitte der 70er Jahre) sehr schätzte: "R[ichard] und ich [= Cosima] erkennen mit einiger Besorgnis den großen Einfluß, den dieser Schriftsteller auf Prof. Nietzsche ausgeübt; (...) nur, sagte R., er könne nicht gut an solche Neugriechen glauben, er erwarte immer, er werde plötzlich sagen: Ich studierte in Halberstadt usw." - an Stelle von Halberstadt hätte er auch Bonn oder Leipzig sagen können...
In Bayreuth erkannte Nietzsche also plötzlich den "wirklichen" Wagner - ein Schock für ihn, aber auch ein Neubeginn. Später (in der 1886 verfaßten Vorrede zu "Menschliches, Allzumenschliches") bezeichnete er diese Situation als die "große Loslösung", es wäre jedoch allzusehr simplifiziert, darunter eine plötzliche Abwendung von der Metaphysik hin zum Positivismus zu verstehen - vielmehr gibt die große Loslösung Nietzsche die Möglichkeit, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Als "freier Geist" stellt er nun die Frage, wie die Dinge aussehen, wenn man sie umkehrt, er will mit den Perspektiven experimentieren, "auf den Versuch hin leben". Hier beginnt Nietzsches Philosophie des Perspektivismus, wonach das Leben einer perspektivischen Optik bedarf und der freie Geist - der sich nicht einer bestimmten Optik unterwirft, sondern gelernt hat, sie souverän zu beherrschen - jede Perspektive experimentierend zu einer höheren hin überschreitet, im Bestreben, möglichst vielen Weltperspektiven Gerechtigkeit angedeihen zu lassen.
Es jedoch zu betonen, daß Nietzsche den Begriff "Perspektivismus" im Jahre 1878 noch nicht verwendete, auch wenn sich jene Lehre bereits abzeichnet, die er später so benennen wird. Hier soll nun zunächst durch eine Interpretation einzelner Abschnitte aus "Menschliches, Allzumenschliches" gezeigt werden, wie sich Nietzsches Perspektivenwechsel inhaltlich darstellte.