Dschungeltraum
(ein Prosafragment)
Gründampfender Urwald, giftig-lebendes Gekrabbel
zwischen Stauden und Blüten, lauernde Augenpaare in dunklem Laub,
Nebel waberte um Lianen, Wasser tropfte dick
von den mächtigen Bäumen. Insekten summten, brummten, zirpten
überall,
Affen kreischten laut aus den Baumkronen, dann
wieder flöteten magische Vögel nie gehörte Zauberlieder.
Und unermüdlich
trommelten versteckte Eingeborene den immergleichen
Rhythmus auf ihren Dschungel-Bongos: Rattabam, Rattabam, Rattabam.
Martin bahnte sich mit der Machete einen Weg
durch das Dickicht. Er war auf der Flucht vor der Sphinx. Immer wieder,
wenn er sich schon in Sicherheit wähnte, tauchte sie dicht hinter
ihm auf. Sie hatte Adlerflügel, einen Schlangenschwanz,
Löwenpranken und den Kopf Sandras. Ein Schwarm
betrunkener Honigfliegen hüllte ihn ein, als er in einen Tümpel
süßen
Weins fiel. "Es ist alles eine Täuschung.",
dachte Martin.
"Manche afrikanischen Völker richten ihren
König hin, wenn er die sexuellen Leidenschaften seiner Weiber nicht
mehr
befriedigen kann.", sagte Dimitri neben ihm.
Er nahm seinen Tropenhelm ab und wischte sich mit einem Taschentuch den
Schweiß von der Glatze. "Die Häuptlinge
legen ihm dann ein weißes Tuch übers Gesicht und führen
ihn ab."
"Tolle Sitten.", brummte Martin stirnrunzelnd.
"Hat alles seine Vorteile, Tatsache!", rief Angelo.
Etwas fauchte scharf aus einem Baum über
ihnen, Martin zuckte zusammen und fürchtete, die Sphinx sei schon
wieder da. Aber es war nur ein Jaguar. Dafür bemerkte er eine Fledermaus,
die scheinbar harmlos in der Nähe herumflatterte - sie hatte die braunen
Augen der Sphinx, also Sandras Augen, Martin kannte jede einzelne Wimper.
Die Spione der Sphinx steckten überall.
Martin durchschlug eine Liane, aus der weißer
Saft floß. Seine Machete stieß gegen einen hohen Stein, eine
Art Stele, eindeutig von Menschenhand bearbeitet. "Was ist das?", fragte
er. "Vielleicht ein Heiligtum der Eingeborenen, die hier permanent trommeln,
die sich aber nicht blicken lassen?" Aber der Stein war dicht mit Ranken
überwuchert. Martin mußte ihn mühsam von seinen Gewächsen
befreien, um ihn genauer betrachten zu können.
Viel war nicht auf dem Stein zu sehen. Nur ein
Name war darauf zu lesen, und darunter zwei Jahreszahlen: "Alexander von
Humboldt 1769 - 1859".
"Jetzt weiß ich, wo wir sind!", rief Martin
aufgeregt. "Das ist der Humboldt-Forest! Gleich hier im Norden müßte
die
Brunnenstraße verlaufen. Ich höre
schon das Geräusch der Autos. Dort müssen wir hin! Wenn wir in
die andere Richtung
gehen, kommen wir direkt zur Höhle der Sphinx!"
In der Tat war in der Nähe ein dumpfes Brausen
zu hören. Dennoch schüttelte Angelo den Kopf und sah Martin belustigt
an.
"Weit ist es wohl nicht her mit deiner Ortskenntnis.
Autos? Unsinn, das sind die Stromschnellen!"
Martin kletterte auf einen Felsen, um einen besseren
Überblick zu gewinnen. Angelo hatte recht: Wo Martin die Brunnenstraße
vermutete, brodelten Wassermassen in schäumender Gischt. Am Ufer lagerten
mehrere große Krokodile, denen man besser aus dem Weg gehen sollte.
"Verdammt, da können wir nicht her.", sagte
Martin. "Ich will nicht als krosser Krokodil-Snack enden."
Angelo entfaltete eine Landkarte und vertiefte
sich darin. Dann sagte er: "Wir gehen am besten nach Osten, da müßten
wir bald an den Volta-Fluß kommen."
Sie machten sich also wieder auf den Weg. Der
Urwald wurde immer dichter und unwegsamer. Martin grübelte immer noch
darüber nach, warum sich die Brunnenstraße
in Stromschnellen verwandelt hatte - da stimmte etwas nicht. Bestimmt steckte
die Sphinx dahinter. Es mußte ein Zauberwort geben, mit dem sich
dieser rätselhafte Bann lösen ließ. Martin glaubte dunkel,
dieses Wort zu kennen, es lag ihm auf der Zunge, aber er kam nicht darauf.
Je angestrengter er darüber nachdachte, desto mehr schien ihm das
Zauberwort zu entgleiten. Es war wie verhext.
Dimitri blieb stehen und meinte: "So, hier können
wir die erste Sphinxfalle aufstellen. Die Stelle unter diesem Baum ist
günstig,
scheint mir."
Martin stutzte. "Moment mal. Jagen wir die Sphinx?
Zum Teufel, ich dachte, die Sphinx jagt uns?!"
"Das ist doch dasselbe.", sagte Dimitri gleichgültig
und machte eine wegwerfende Handbewegung. Er baute ein kompliziertes
Geflecht aus Seilen und Ästen, bedeckte
es zur Tarnung mit Blättern, dann legte er als Köder eine Flasche
Beaujolais darauf.
Dimitri lachte schadenfroh. "Dem wird sie nicht
widerstehen könne!"
Sie gingen weiter und standen plötzlich
vor einer verwitterten Ziegelmauer. Rostige Metallstreben ragten daraus
hervor. "Metall! Metall!", riefen Krähen vom Dach des Gebäudes.
"Die Musiker machen sich lustig über uns!",
sagte Angelo empört, zog einen Revolver aus der Tasche und feuerte
nach oben.
"Schießen Sie nicht auf den Pianisten!",
rief Martin und schlug Angelo die Waffe aus der Hand.
Die Krähen waren verschwunden. Martin ahnte,
daß ihr merkwürdiger Ruf ein Schlüssel zu dem vergessenen
Zauberwort
gewesen war. "Wir müssen die Krähen
wiederfinden.", sagte er. "Wo kommt man in diese Ruine hinein?"
Sie gingen an der verwinkelten Mauer entlang,
bis sie zu einem großen Torbogen gelangten. Darüber stand in
goldenen
Buchstaben ALLGEMEINE ELEKTRICITAETS GESELLSCHAFT.
Sie schritten durch das Tor, an dessen beiden Flanken in grün und
rot gekleidete Herolde eine mittelalterliche Trompetenfanfare zu ihrer
Begrüßung schmetterten.
In dem gläsernen Pförtnerkasten saß
ein Mann mit grauer Gesichtsfarbe, der sie streng ansah. Sie wollten freundlich
grüßend an ihm vorbeieilen, aber er klopfte drohend mit einem
Kugelschreiber gegen die Glasscheibe. Sein Blick war jetzt von
vernichtender Bosheit. Der Pförtner sagte
zunächst nichts. Das hatte er nicht nötig. Der Besucher war hier
derjenige, der sich zu äußern hatte.
"Äh, wir suchen die Krähen.", sagte
Martin vorsichtig.
"Bitte?" Das war keine Frage, sondern eine Kriegserklärung.
Martin griff zu einer fadenscheinigen Ausflucht:
"Nun, Herr Dekrehn - hier arbeitet doch ein Herr
Dekrehn?"
"Jibt et hier nich'.", lautete die mürrische
Antwort. Damit versenkte der Pförtner seinen Blick in eine Zeitung,
offenbar war die
Sache für ihn erledigt.
"Es ist nicht möglich, daß sie sich
vielleicht irren?", fragte Martin zaghaft.
"Nee, is nich'." Der Pförtner erhob seinen
Kopf erst gar nicht, warf Martin dann aber doch noch einen giftigen Blick
zu.
Jetzt schaltete sich Angelo ein mit der Frage:
"Und Herr Schmidt? Herr Schmidt ist doch bestimmt zu sprechen?" Gute Idee,
den häufigen Namen Schmidt ins Spiel zu
bringen. Irgendjemand in diesem Haus würde bestimmt Schmidt heißen.
In der Tat fragte der Pförtner jetzt gereizt:
"Welcher Schmidt?"
Nun mußte man nur noch etwas Glück
haben und auch noch einen passenden Vornamen raten. "Thomas Schmidt.",
sagte
Martin.
"Was wollen Sie von ihm?" Also war das Glück
ihnen hold gewesen! Der Weg ins Innere würde sich ihnen schon bald
öffnen,
sie müßten nur noch eine stichhaltige
Begründung für ihren Besuch finden.
"Äh, ich bin mit ihm zur Schule gegangen!",
sagte Martin.
"Welche Schule?", fragte der Pförtner hartnäckig.
"Grundschule Rummenohl. Im Sauerland." Kaum hatte
Martin diese Antwort gegeben, bereute er es schon wieder. Warum
mußte er unbedingt seine richtige Schule
angeben? Wenn dieser Schmidt jetzt zum Beispiel aus Berlin war? Verdammt,
er hatte mit diesem Besuchsgrund danebengegriffen, hatte alles versaut,
bestimmt wäre mit einer anderen Antwort alles viel einfacher gewesen!
Der Pförtner tippte am Computer herum. "Sie
lügen. Herr Schmidt kommt aus Stuttgart." Er sah Martin direkt ins
Gesicht und
grinste.
Martin hatte es ja geahnt. "Äh, ja, er wurde
in Stuttgart geboren, aber später ist er dann mit seinen Eltern ins
Sauerland gezogen ..."
Der Pförtner macht sich wieder am Computer
zu schaffen, dann wendete er sich enttäuscht davon ab. Offenbar fand
er keine
ausreichenden Daten, um Martins Angabe zu widerlegen.
Nochmal Schwein gehabt! Dafür holte der Pförtner jetzt Papiere
hervor und schob sie durch die Öffnung seines
Glaskastens. "Jeder von Ihnen hat diesen Fragebogen auszufüllen.",
sagte er. Es war ein sehr umfangreicher Fragebogen. Martin reichte jeweils
ein Exemplar an Angelo und Dimitri weiter. Die ersten Fragen waren halbwegs
normal - Name, Anschrift,- Geburtsdatum, Schulabschluß, Beruf, Blutgruppe,
...
"Hallo!" Der Pförtner klopfte wieder an
die Scheibe und starrte Angelo an. "Während Sie hier warten, dürfen
Sie den
Wartebereich nicht überschreiten. Der Wartebereich
wird markiert durch die gelbe Linie. Verstehen Sie Deutsch?"
Angelo starrte verwirrt zurück. "Äh,
ja, doch ..."
"Du warten in Wartebereich. Nix übertreten
gelbe Linie, kapito?"
"Jawoll!", rief Angelo und knallte die Hacken
zusammen. Er trat wieder zurück in den sogenannten Wartebereich, der
höchstens vier Quadratmeter groß war.
Martin schaute wieder auf seinen Fragebogen.
Die nächste Frage lautete: Welches Erlebnis würden Sie gerne
aus Ihrer
Erinnerung streichen?
War das noch normal? Wer hatte sich denn eine
solche Frage ausgedacht, zu welchem Zweck? Mußte Martin so etwas
beantworten? Es war eine Unverschämtheit!
Andererseits, wenn er wirklich ins Innere dieses Gebäudes gelangen
wollte, hatte
er wohl keine Wahl.
Martin überlegte. Welches Erlebnis würde
er gerne aus seiner Erinnerung streichen? Vielleicht die Party, auf der
Sandra diesen Ingenieur kennengelernt und er allein nach Hause gegangen
war. Aber dieses Erlebnis wollte er weniger aus seiner Erinnerung streichen,
vielmehr wünschte Martin, es sei nie passiert. Das war ein wichtiger
Unterschied. Und wie Martin befürchtete, legte der unbekannte Fragesteller
Wert auf solche Unterscheidungen.
'Aus der Erinnerung streichen' bedeutete, es
muß ein Ereignis sein, das Martin innerlich belastet, wo das Vergessenkönnen
eine Erleichterung für ihn wäre. Am besten also ein Ereignis,
bei dem Martin sein eigenes Verhalten bereute. Alles andere lohnte nicht,
aus der Erinnerung gestrichen zu werden. Wirklich vergessen will man immer
nur sich selbst.
Dann fiel Martin die Antwort ein. In seiner Beziehung
mit Sandra hatte es ein kleines giftiges Problem gegeben: das
Auto-Problem. Martin hatte kein eigenes Auto,
aber Sandra hatte eins. Mit der Zeit bürgerte es sich als Selbstverständlichkeit
ein, daß Martin ihr Auto benutzte oder
(wenn sie selbst es für andere Zwecke brauchte) zumindest ein Stück
weit von ihr
gefahren wurde. Sandra hatte sich darüber
nie beklagt, erst ganz am Ende warf sie ihm dann wegen seiner Erwartung,
ihr Auto benutzen zu können, Egoismus vor. Wie Martin eingestehen
mußte, hatte sie recht damit. Er erinnerte sich nun an einen Vorfall,
der damit zusammenhing: Gemeinsam mit Sandra war er an der Uni gewesen.
Auf dem Weg zum Parkplatz sagte sie ihm, er solle mit der U-Bahn nach Hause
fahren, weil sie unterwegs noch etwas einkaufen müsse. Das war wohl
eine Art Test, sein Egoismus wurde auf den Prüfstand gestellt. Aber
Martin merkte davon nichts. Er warf Sandra Unlogik vor, da sie problemlos
ihre Sachen würde einkaufen können, während er im Auto wartete.
Sandra gab sich geschlagen und nahm ihn mit - allerdings zeigte sie dabei
deutlich ihre schlechte Laune. Ein paar Tage später war jene verhängnisvolle
Party.
Diesen banalen Wunsch, Sandra möge ihn mitnehmen,
würde Martin gern aus seiner Erinnerung streichen. Was gäbe er
dafür,
viel eher eingesehen zu haben, wie egoistisch
seine alberne Bequemlichkeit war! Könnte er dieses Ereignis vergessen,
dann
würde ein häßlicher Flecken von
seinem Selbstbild verschwinden. Vergessen will man immer nur sich selbst.
Nachdem Martin die Antwort niedergeschrieben
hatte, las er die nächste Frage, und die brachte ihn ganz aus der
Fassung. Sie fragte nach seinen sexuellen Vorlieben.
'Also jetzt hört's wirklich auf!', dachte
Martin empört. Das konnte doch nicht deren Ernst sein! (Wer immer
auch der oder die
unbekannten Fragesteller sein mochten.) Vielleicht
wurde hier ein Experiment mit ihm veranstaltet? Kam es vielleicht gerade
darauf an, Selbstbewußtsein zu zeigen und
diesen Fragebogen abzulehnen? Martin sah zu Dimitri, der eifrig schrieb,
dann einen Augenblick lang überlegte, dann weiterschrieb. Dimitri
machte einen ernsten Eindruck: Keinerlei Anzeichen, daß er Zweifel
an der Wörtlichkeit der Fragen hätte. 'Also gut.', dachte Martin.
'Wir wollen unbedingt in dieses Haus, dann müssen wir wohl in den
sauren Apfel beißen. Sexuelle Vorlieben ... Meinen die damit nur,
ob man heterosexuell oder homosexuell ist? Oder wollen die etwa noch Einzelheiten
wissen?' Nicht nur die Frage war Martin peinlich - noch unangenehmer war
ihm, daß er keine passende Antwort wußte. Vaginal? Oral? All
das klang recht bieder, zumindest für das späte 20. Jahrhundert.
Und wer will schon gerne den Eindruck von Biederkeit hinterlassen? Martin
kam auf einen verwegenen Gedanken: Damit die Fragesteller ihn nicht unterschätzten,
könnten sie ihn ruhig überschätzen. Wer kennt schon alle
sexuellen Begriffe - sollten die Herren Fragesteller ruhig ein wenig rätseln.
Martin ließ seine Phantasie spielen und schrieb: "Asmophloktal (hetero)".
Das würde sie beeindrucken!
Nächste Frage! 'Welche Eigenschaft oder
Besonderheit Ihrer Kindheit vermissen Sie am meisten?'
Martin wunderte sich schon über nichts mehr.
Er dachte an seine Kindheit in jenem sauerländischen Dorf, mit jenem
Thomas
Schmidt, den es gar nicht gab. Was vermißte
er am meisten? Die Unbekümmertheit, weil man von den Eltern umsorgt
wurde?
Die Vielfalt von Schmetterlingen, die es heute
nicht mehr gab? Die Leichtigkeit, mit der sich Freundschaften schließen
ließen?
Ja, vielleicht war es das. Man wohnte zufälligerweise
in der Nähe und hatte das gleiche Alter - das genügte für
eine Freundschaft. Es war nicht nötig, Gründe für ein Gespräch
zu suchen. Man fragte nur: "Wie heißt du?", und "Kommst du mit an
den Bach?", und dort ließ man dann Stöcke schwimmen oder fing
Kaulquappen und Flohkrebse.
Noch etwas vermißte Martin: Die Offenheit
des Horizontes. Des räumlichen und des zeitlichen Horizontes. Es war
eine seiner
frühesten Kindheitserinnerungen, wie er
(wohl auf dem Arm seiner Mutter) aus dem Fenster sah und die sauerländischen
Berge erblickte, die sich mit ihren Wäldern, Wiesen, Hochspannungsmasten,
Straßen und Autobahnbrücken bis zum blauen Horizont erstreckten.
Damals war er zwei oder höchstens drei Jahre alt gewesen. Vermutlich
wunderte er sich noch nicht darüber, daß die näheren Berge
grün, die fernen dagegen blau waren. Aber jene blauen Berge übten
eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Da wollte er hin! Eines Tages
würde er diese faszinierende Fremde erforschen. Seine eigene Zukunft
lag vor ihm wie jene blauen Berge und verschmolz mit ihnen - Raum und Zeit
waren endlos und unbekannt, voller Rätsel und Geheimnisse, die auf
ihn warteten.
Und heute? Der Horizont warf keine Fragen mehr
auf, ein Blick auf die Landkarte klärte alles. Auch Martins Zukunft
war fest
umrissen. Momentan war er zwar noch arbeitslos,
und solange blieb sein Leben offen, aber sobald er eine Stelle an der Uni
gefunden haben würde, hätte er keine
Überraschungen mehr zu erwarten. Sein Tagesablauf würde einen
festen Rhythmus
finden, und in diesem Takt bewegte er sich bis
zur Rente. Der Raum würde zusammenschrumpfen auf einige feste Bahnen:
Wege zum Institut, zum Einkaufen, Spaziergänge
durch den Park ... Wenn er sich dann noch die Urlaubsreisen aus dem
Prospekt aussuchen würde, wäre die
Offenheit restlos verloren.
Der Fragebogen nahm kein Ende. Wenn Martin umblätterte,
kamen immer neue Seiten zum Vorschein, und die Fragen wurden immer absurder.
("Stellen Sie sich vor, sie wären eine Tasse. Beschreiben Sie die
Tasse.") Endlich hatte er es doch geschafft und alle Fragen erledigt -
es schien ihm, als wären inzwischen Stunden vergangen. Martin gab
den ausgefüllten Fragebogen an den Pförtner zurück. Auch
Angelo und Dimitri waren im selben Moment mit ihren Bögen fertig.
Der Pförtner nahm die Papiere an sich. "Zur weiteren Bearbeitung begeben
Sie sich durch diese Tür und warten Sie, bis Ihre Nummer aufgerufen
wird." Er gab ihnen jeweils eine Wartenummer auf einem grünen Papierstreifen
und zeigte auf eine Tür, die dem Pförtnerkasten direkt gegenüber
lag. Martin sah sehnsüchtig zur großen Haupttreppe - noch immer
durften sie nicht auf diesem Weg ins Innere des Gebäudes gehen. Jene
Tür führte in eine andere Richtung.
Hinter der Tür befand sich ein langer, fensterloser
Flur, in dem es streng nach Putzmittel roch. Zu beiden Seiten waren
numerierte Türen, doch Martin bemerkte verwundert,
daß die Nummern nicht fortlaufend waren. Sie hatten keinerlei System.
Von der Decke hing eine große Uhr herab,
wie sie auf Bahnhöfen üblich ist. An der Wand befand sich eine
elektronische
Anzeigetafel: "Wartenummer ... in Raum ...".
Sie sahen auf ihre Nummern, aber auf der Anzeigetafel standen noch ganz
andere. Dabei stellten sie fest, daß auch ihre Wartenummern nicht
fortlaufend waren.
Sie setzten sich auf Klappsitze, die an den Wänden
befestigt waren. "Diese Fragen in dem Fragebogen waren doch wirklich
merkwürdig!", sagte Martin.
"Wieso Fragen?", entgegnete Angelo. "Ich hatte
nur mathematische Aufgaben."
"Tatsächlich?", fragte Dimitri. "Ich fand
die Fragen schon etwas seltsam. Erst wurde nach allen möglichen internationalen
Hauptstädten, Flüssen und Bergen gefragt,
und dann ging es detailliert um Leben und Werk Wolfgang Amadeus Mozarts
- zum Glück ist das mein Lieblingsmusiker."
Sie warteten etwa eine Viertelstunde lang, ohne
daß ein Mensch zu sehen oder zu hören war. Dann leuchteten mit
einem "Pling" gleichzeitig ihre Wartenummern auf der Anzeigetafel auf.
Die drei Räume, in die sie dadurch bestellt wurden, lagen direkt nebeneinander.
Martin öffnete die Bürotür und
sah zu seiner Verblüffung hinter dem Schreibtisch wieder den Pförtner
sitzen. Der Pförtner forderte ihn auf, Platz zu nehmen. "Sie möchten
zu Herrn Thomas Schmidt?", fragte er. Martin bejahte und wunderte sich,
denn schließlich mußte der Pförtner das längst wissen.
"Wie ich Ihren Unterlagen entnehme," sagte der Pförtner und blätterte
in dem Fragebogen, "kennen Sie Herrn Schmidt bereits seit ihrer Kindheit.
Auf die Frage nach dem Erlebnis, das Sie gerne aus Ihrer Erinnerung streichen
möchten, antworten Sie hier mit einer banalen Geschichte im Zusammenhang
mit einer gewissen Sandra. Gibt es da nicht auch Erlebnisse aus Ihrer Kindheit?
Vielleicht sogar solche, bei denen Thomas Schmidt eine Rolle spielte?"
Martin dachte an seine Kindheit zurück.
Das Dumme war, daß jener Thomas Schmidt nie existiert hatte, weshalb
es auch keine Erlebnisse mit ihm gegeben haben konnte.
"Ich weiß nicht." sagte er. "Was ich aus
meiner Erinnerung streichen wollte, habe ich wohl auch daraus gestrichen.
Jedenfalls
fällt mir dazu nichts ein."
"Ach ja? Und Sie glauben wirklich, Sie würden
mit dieser faulen Ausrede hier durchkommen?"
"Können Sie sich etwa so genau an Ihre Kindheit
erinnern?"
"Ich stelle hier die Fragen!", schrie der Pförtner.
"Schon gut, schon gut.", sagte Martin besänftigend.
"Ich erinnere mich da an eine peinliche Geschichte in der Schule, das muß
etwa in der zweiten Klasse gewesen sein. Natürlich
war Thomas Schmidt dort auch anwesend. Der Lehrer erzählte uns was
über Vögel, Amseln glaube ich, und
wie es für Kinder in unserem Alter angemessen war, sprach er dabei
von 'Amselmännern'
und 'Amselfrauen'. Ich hatte aber schon irgendwo
gehört, daß man bei Tieren 'Männchen' und 'Weibchen' sagt,
und altklug wie ich damals war, korrigierte ich den Lehrer daraufhin. Er
gab mir recht, sagte im nächsten Satz aber wieder 'Amselfrauen' -
ich rief 'Weibchen' und sah den Lehrer strafend an. So ging es dann noch
ein paarmal weiter, ja, der gute Mann hatte es wirklich schwer, uns die
Amseln auf seine Weise näher zu bringen. Er hat uns bestimmt einige
wissenswerte Dinge über die Vögel erzählt, wovon nichts
in meinem Gedächtnis geblieben ist. Aber ich sonnte mich in dem Gefühl,
klüger als mein Lehrer zu sein. Ja, diese Peinlichkeit würde
ich lieber aus meinem Gedächtnis streichen."
Der Pförtner winkte gelangweilt ab und blätterte
wieder in dem Fragebogen. Dann hob er plötzlich den Kopf und sah Martin
streng an. "Eine so unverschämte Person
wie Sie habe ich hier lange nicht gesehen.", sagte er.
"Wie bitte?", fragte Martin schockiert. "Wovon
reden Sie?"
"Tun Sie nicht so unschuldig, Sie wissen ganz
genau, wovon ich rede. Hier - sexuelle Vorlieben: asmophloktal (hetero).
Sie
Schwein! Wissen Sie nicht, daß man Sie
für derartige Perversionen für fünf Jahre ins Zuchthaus
stecken kann?"
Martin rieb sich verlegen das Kinn.
"Na ja, Sie haben Glück, daß ich dafür
nicht zuständig bin. Kommen wir zu was anderem. Warum machen Sie ...
Nein, ich will anders fragen." Der Pförtner trank einen Schluck Kaffee.
"Wann, sagen Sie, haben Sie Thomas Schmidt kennengelernt?"
"Vermutlich im Sommer 1973, als ich eingeschult
wurde.", antwortete Martin.
"Gut. Erinnern Sie sich an das Jahr 1975? Was
haben Sie am 6. August 1975 gemacht? Haben Sie Thomas Schmidt an diesem
Tag gesehen?"
"Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Sie können
doch nicht ernsthaft erwarten, daß ich mich an den 6. August 1975
erinnern würde?"
"Geben Sie sich gefälligst Mühe!"
"Okay, Okay. August 75, da waren noch Sommerferien,
oder? Meine Eltern sind nie in Urlaub gefahren, also war ich bestimmt in
Rummenohl. Wir haben damals eigentlich immer Fußball gespielt, auf
dem neuen Sportplatz. Ja, ich bin mir sicher, daß wir auch am 6.
August 75 Fußball gespielt haben."
"Nach welchen Regeln?"
"Drei Ecken ein Elfer, ohne Abseits, ansonsten
normal. Wir haben nur auf einer Hälfte des Platzes gespielt und auf
der
Mittellinie durch Jacken oder andere Kleidungsstücke
ein Tor gekennzeichnet."
"Mit wievielen Spielern?"
"Es waren wohl immer sechs bis acht - außer
Thomas und mir meistens Gerd, Antonio, Frank, Henning, Ralf, Ingo, ...
Ja. Bei
ungerader Spielerzahl haben wir nur auf ein Tor
gespielt, mit neutralem Torwart."
"Bis wann haben Sie Fußball gespielt?"
"Ich glaube, die meisten von uns mußten
damals um sieben oder um acht Uhr zu Hause sein."
"Nein, nein, Sie verstehen mich falsch. Ich meine:
Bis zu welchem Lebensalter haben Sie Fußball gespielt? Oder spielen
Sie es
heute noch?", fragte der Pförtner mißtrauisch.
"Nein, schon lange nicht mehr."
"Also bis wann? Und warum haben Sie aufgehört?"
"Wir sind alle zusammen etwa zwei Jahre später
in einen Fußballverein eingetreten - das war ein Fehler, denn der
angestrengte Ernst dort machte mir schon bald keinen Spaß mehr. Außerdem
saß ich meistens auf der Ersatzbank, denn ich war kein guter Spieler.
Das lag vermutlich daran, daß ich eigentlich schon damals eine Brille
gebraucht hätte, was aber weder mir noch meinen Eltern bewußt
geworden war. Ich sah den Ball wohl erst, wenn er ein paar Meter vor mir
war, und das ist keine gute Voraussetzung zum Fußballspielen ..."
Martin erwartete, daß der Pförtner
zumindest lächeln würde, aber der verzog keine Miene. Er fuhr
fort: "Na ja, ich war bis
ungefähr 1979 in dem Verein. Dann hatte
ich meine erste Freundin - natürlich vollkommen harmlos, ich war ja
erst zwölf oder
dreizehn. Aber diese Heike interessierte mich
doch mehr als Fußball, ich bin immer seltener und schließlich
gar nicht mehr zum
Training gegangen. Stattdessen fing ich an, intensiv
Bücher zu lesen, zunächst vor allem über UFOs, unerklärliche
Phänomene,
Esoterik und sowas."
Der Pförtner machte sich Notizen und nicke.
"Gut, ich konnte mir ein ausreichendes Bild von Ihnen machen. Wenn Sie
jetzt
noch für einen Moment dort drüben Platz
nehmen würden."
Der Pförtner zeigte auf einen anderen Stuhl,
der einige Meter entfernt an der Wand stand. Martin setzte sich dorthin,
während
der Pförtner auf einer Schreibmaschine zu
tippen begann. Er schrieb mehrere Minuten lang, dann zog er das Papier
aus der
Maschine, stand auf, reichte Martin das Geschrieben
und sagte: "Lesen Sie sich dieses Protokoll gut durch und bestätigen
Sie
die Richtigkeit durch Ihre Unterschrift."
Martin las, unterschrieb und gab die Blätter
wieder zurück.
"Danke.", sagte der Pförtner. "Sie können
sich jetzt zurück zum Pförtner begeben."
"Zum Pförtner?", fragte Martin verblüfft.
"Aber Sie sind doch ... Ja, gut. Wiedersehen."
"Moment, eine Frage hätte ich da noch.",
sagte der Pförtner. "Welches Wesen ist erst vierfüßig,
dann zweifüßig und dann
dreifüßig?"
Auf einmal hatte der Pförtner Sandras braune
Augen. Martin riß die Tür auf und rannte hinaus.
Auf dem Flur traf er Dimitri und Angelo, die
auch gerade aus ihren Räumen herausgekommen waren. "Dieser Pförtner
ist wohl überall.", sagte Dimitri. "Eben saß er noch am Eingang,
und jetzt unterhielt ich mich mit ihm in diesem Büro."
"Du? Ich auch!", rief Angelo.
"Bemerkenswert. Offenbar sehen die Mitarbeiter
in diesem Haus alle gleich aus. Ihre Identifikation mit der Firma geht
soweit,
daß sich ihr Äußeres einem gemeinsamen
Idealbild angleicht.", sagte Martin.
"Oder Sie sind geklont.", warf Angelo ein. "Sollt
ihr auch zurück zum Eingang?"
Dimitri und Angelo bejahten. Gemeinsam gingen
sie wieder zum Pförtner zurück, der in eine Zeitung vertieft
war.
"Wir sollen und hier wieder melden.", sagte Martin
freundlich.
Der Pförtner blickte auf. "Hatten Sie Erfolg?"
Martin hatte keine Ahnung, was der Pförtner
unter 'Erfolg' verstand, aber er sagte sofort Ja.
"Sie halten also ihr Ansinnen aufrecht, Herrn
Thomas Schmidt besuchen zu wollen?", fragte der Pförtner. "Dann füllen
Sie bitte
dieses Formular aus."
Nahm das denn nie ein Ende? Zum Glück waren
die drei Formulare, die der Pförtner ihnen zuschob, diesmal nicht
allzu lang. Es wurde nur danach gefragt, wer man war und wen man besuchen
wollte. Das war schnell ausgefüllt, und Martin gab die Scheine zurück.
Der Pförtner stempelte die Blätter mit lautem Knall und legte
sie ab. Dann sagte er förmlich: "Ihr Antrag, unseren Mitarbeiter Thomas
Schmidt aufzusuchen, wird abgelehnt. Zur Begründung teile ich Ihnen
mit, daß unser Mitarbeiter Thomas Schmidt bereits vor drei Jahren
verstorben ist. Auf Wiedersehen."
Der Pförtner wandte sich wieder seiner Zeitung
zu. Damit war der Versuch, in dieses Gebäude zu gelangen, endgültig
gescheitert. Sie gingen enttäuscht hinaus.
Die feuchte Urwaldluft hüllte sie gleich
wieder mit ihren Modergerüchen ein. Die versteckten Eingeborenen trommelten
immer
noch. (War ihr Rhythmus nicht sogar in dem Gebäude
zu hören gewesen?) Sie machten sich wieder auf den Weg zum
Volta-Fluß, und Dimitri sprach davon, bei
Gelegenheit die nächste Sphinx-Falle aufzustellen. Eine Viertelstunde
lang arbeiteten sie sich mit ihren Macheten mühsam durch den Urwald,
als plötzlich ein Unglück geschah: Martin schlug kräftig
mit der Machete zu, um eine dicke Liane durchzuhauen, aber die Klinge rutschte
an einem Ast ab, Martin verlor das Gleichgewicht und die Wucht des Schlages
irrte nach rechts, wo Dimitri stand. Die Machete durchtrennte glatt Dimitris
Hals, sein Kopf flog im weiten Bogen ins Dickicht.
Martin warf die Machete weg und erstarrte. "Oh
verdammt, das ist jetzt aber unangenehm, Tatsache!", rief Angelo. Dimitris
Hände tasteten verwundert seinen Halsstumpf
ab. Angelo lief suchend hin und her. "Wir müssen den Kopf wieder aufsetzen.
Wo ist er denn hingefallen? He, Dimitri, hörst
du mich?"
"Hier unten!", rief Dimitris Stimme aus einem
Wirrwarr von umgestürzten Baumstämmen und Schlingpflanzen. Angelo
und
Martin machten sich eifrig daran, Dimitris Kopf
in diesem Chaos ausfindig zu machen. "Da, ich sehe ihn.", sagte Angelo.
"Aber ich komme nicht ran, weil diese Baumstämme im Weg sind. Moment
mal."
Angelo legte sich über einen der hinderlichen
Stämme, seine Beine hingen in der Luft, während er mit dem Kopf
voran in das
Pflanzendickicht eintauchte. "Mist, so geht's
nicht, der Kopf rutscht immer tiefer."
Angelo tauchte wieder auf. "Wir müssen diesen
Baumstamm hier wegrollen, sonst kommen wir da nie ran."
"Paßt auf, hier ist eine Höhle, oder
sowas.", rief Dimitris Kopf von unten.
"Was soll da sein, eine Höhle? Unmöglich.
Wahrscheinlich nur ein Kaninchenbau, deine Optik ist wohl momentan etwas
verzerrt.", antwortete Angelo. Er versuchte,
den Stamm von der Stelle zu bewegen. Martin half ihm und auch Dimitris
kopfloser Körper, der von Martin angeleitet wurde. Mit einem Ruck
rollte der Baumstamm plötzlich weg, zugleich gab der Boden unter ihren
Füßen nach und sie stürzten ins Leere. Sie rutschten durch
einen engen Schacht, der erst senkrecht, dann schräg nach unten führte.
Nach etwa zwanzig Metern landeten sie unsanft auf dem Steinboden einer
großen Halle.
Das Bild, das sich ihnen hier bot, war im wahrsten
Sinne des Wortes die Hölle. In glutrotem Licht tanzte eine Unzahl
kleiner
gehörnter Teufel mit Folterinstrumenten
in den Händen umher und peinigte arme Seelen. Große Feuer loderten
allerorten. Das
Grölen und Kreischen der Teufel vereinigte
sich mit den Schmerzensschreien der Seelen zu einem infernalischen Lärm.
Die Eindringlinge waren sofort von einer Teufelhorde
umringt, die sich Dimitris Kopf schnappten, "All for one, one for all!"
riefen und damit eine Handball-Partie anfingen.
"Halt!", schrie Dimitri, genauer gesagt sein
Kopf, während er hin und her geworfen wurde. "Hört doch mit dem
Quatsch auf!
Hilfe!"
"Moment mal.", rief Martin. "Meine Herren, die
ist kein Ball, sondern ein Kopf, und wir brauchen ihn noch. Wenn Sie uns
also diesen Kopf bitte überlassen würden ..."
"Kein dummes Gesülze hier, ja!", erwiderte
einer der Teufel. "Hier wird fair gespielt! Also versuch bloß nicht,
uns mit deinen
Sprüchen zu verarschen, sonst kannst du
was erleben!"
"Aber nicht doch ...", sagte Martin, dann verpaßte
der Teufel ihm einen Schlag in die Magengrube, lief links an ihm vorbei
und
warf Dimitris Kopf ins Tor. Die Teufel jubelten.
Ein paar Seelen in weißen Trikots traten
schüchtern zu Martin und flüsterten: "Wir sind auf Ihrer Seite.
In Unterzahl haben Sie
gegen diese Teufel keine Chance. Wir werden Ihnen
helfen."
"Danke, das ist sehr nett von Ihnen. Diese Leute
sind erstaunlich unverschämt - erst reden sie von fairem Spiel, und
eine
Sekunde später foulen sie auf Teufel komm
raus.", antwortete Martin.
"Ja, das ist so ihre Art.", sagte die Seele.
"Sie lügen, foulen, schlagen, treten - sie sind eben das Böse.
Wir dagegen dürfen das
alles nicht, weil wir die Guten sind."
"Heißt das, hier spielt das Böse gegen
das Gute?", fragte Martin.
"Natürlich. Was haben Sie gedacht?"
"Und die Bösen dürfen foulen, die Guten
dagegen nicht? Das ist doch unfair!"
"Unfair vom Standpunkt des Guten aus gesehen,
nicht aber vom Standpunkt des Bösen."
"Verrückt! Man kann doch nicht nach verschiedenen
Spielregeln spielen!"
"Das meinen Sie. Die Bösen dagegen ..."
"Schon gut. Aber wenn wir jetzt einfach ihre
Methoden gegen sie richten würden, wenn wir auch foulen?"
"Dann wären wir sofort in der Mannschaft
des Bösen. Wenn wir foulen und glauben, auf ihr Tor zu werfen, würden
wir sofort
feststellen, daß wir tatsächlich auf
unser Tor, also auf das Tor des Guten geworfen haben."
"Da bleibt uns doch gar keine Chance!"
"Ja, es ist leider nicht einfach.", seufzte die
Seele.
"Also gut.", sagte Martin. Er sah zu der Seele,
die Dimitris Kopf in den Händen hielt und darauf wartete, weiterzuspielen.
"Zumindest haben wir jetzt den Kopf. Versuchen
Sie, die Teufel nach Kräften abzulenken. Währenddessen kommen
wir
hoffentlich an ihnen vorbei. Los!"
Sie stürmten den Teufeln entgegen, die Seele
warf Martin den Kopf zu. Aber sofort war Martin von Teufeln umringt, die
ihm
keinerlei Spielraum ließen, und so paßte
er den zeternden Kopf weiter zu Angelo. Auch der kam nur einige Meter weit,
dann
hielten ihn schon die Teufel an den Beinen fest.
Angelo mußte Dimitris Kopf einer Seele zuwerfen. Die Seele sprintete
nach
vorn und schmetterte den Kopf gegen den Pfosten
des gegnerischen Tores. Dimitri jaulte.
Martin erkannte, daß es mit den Seelen
offenbar ein Mißverständnis gab. Er hatte gedacht, sie würden
ihnen helfen, mit Dimitris Kopf zu flüchten - die Seelen dagegen wollten
das
Spiel gewinnen. So ging es also nicht weiter. Jetzt begannen die Teufel
wieder einen wilden Angriff, und Martin zwinkerte Angelo zu. Es mußte
etwas geschehen.
Als ein Teufel mit Dimitris Kopf dribbelnd an
ihm vorbeiziehen wollte, stellte Martin ihm ein Bein, versetzte ihm einen
Faustschlag und schnappte sich den Kopf. Überrascht
stellte er fest, daß sich in der Tat plötzlich die Perspektive
verändert
hatte: Er war auf das Tor der Teufel zugelaufen,
doch nun befand sich dort das Tor der Seelen. Die Teufel waren verwirrt.
Einerseits hatten sie mit der Attacke nicht gerechnet,
andererseits freuten sie sich über die scheinbare Verstärkung
ihrer
Mannschaft. Martin warf den Kopf zu Angelo, und
beide rannten an dem Tor der Seelen vorbei vom Spielfeld. Die Teufel
begriffen jetzt erst, was vor sich ging, und
liefen wutschnaubend hinterher. Angelo hatte zum Glück seine Machete
noch, mit der er die Teufel auf Distanz halten konnte. Er schlug ihnen
die Gliedmaßen ab, was die Teufel zwar nicht übermäßig
beeindruckte, aber zumindest waren sie erstmal mit dem Aufsammeln ihrer
Körperteile beschäftigt.
Martin führte die ganze Zeit Dimitris kopflosen
Körper an der Hand, was bei der Flucht sehr hinderlich war. Sie rannten
durch ein Labyrinth von finsteren Gängen, vorbei an glutroten Lavaströmen,
sprangen über Erdspalten, aus denen Schwefelschwaden empordampften.
Sie hatten keine Ahnung, wo sie einen Ausgang aus der Hölle suchen
sollten, und die Teufelshorde hinter ihnen bekam von allen Seiten Verstärkung.
So konnte ihr Fluchtversuch nicht erfolgreich sein: Die zornigen Teufel
fingen sie wieder ein und legten sie in Ketten.
"Für euer ungeheures Verbrechen werdet ihr
büßen!", schrien die Teufel. "Schleppt sie vor den Obersten
Richter!"
Die Gefesselten wurden in eine große Halle
gebracht, wo es noch intensiver nach Schwefel roch und die Hitze noch stärker
war. Dort saß auf einem mit Totenschädeln
verzierten Thron, von Schlangen umzischt, der Ober-Teufel: Satan persönlich.
Auf
seinem Kopf saßen gewaltige Stierhörner,
sein tiefroter Körper lief in dunkle, behaarte Beine mit Bockshufen
aus, und zwischen seinen Beinen ragte ein riesiger Penis hoch empor. Als
Zeichen der Macht trug er um den Hals ein Goldkettchen, an dem ein Mercedesstern
baumelte.
Satan schaute etwas verärgert, offenbar
wurde er bei wichtigen Gedanken gestört. Einer der Teufel trat mit
unterwürfiger Miene vor und sprach: "Eure Heiligkeit! Wir führen
Euch hier zweieinhalb Personen vor, denen ein fluchwürdiges Verbrechen
vorzuwerfen ist. Ja, es handelt sich sogar, und
das sage ich hier in aller Offenheit, um die grauenhafteste kriminelle
Handlung,
die seit Urzeiten in diesen ehrwürdigen
Hallen verübt worden ist - die mutwillige Störung eines Handballspieles!"
Die anwesenden Teufel kreischten empört
auf.
"Silentium!", rief Satan und stampfte dreimal
mit einem Huf auf. "Oder ich lasse den Saal räumen! Herr Inquisitor,
fahre er fort."
"Ähem, ja. Also ich plädiere angesichts
dieser schrecklichen Tat für die Höchststrafe."
"Die Angeklagten sollen vortreten!" Satan musterte
Martin, Angelo und den kopflosen Dimitri streng. "Habt ihr etwas zu eurer
Verteidigung vorzubringen?"
Angelo sagte: "Eure Heiligkeit, ich möchte
darauf aufmerksam machen, daß es sich keineswegs um ein richtiges
Handballspiel
gehandelt hat, denn es wurde nicht mit einem
Ball gespielt, sondern mit dem Kopf unseres Freundes Dimitri."
"Soso. Man zeige mir diesen Kopf oder Ball!",
befahl Satan. Einer der Teufel überreichte ihm Dimitris Kopf. Satan
warf ihn in
hohen Bögen von einer Hand in die andere.
"Ein Ball, na und? Was soll daran besonderes
sein?"
"Erlauben Sie mal!", rief der Kopf Dimitris.
"Bin ich vielleicht nichts besonderes? Mich als einen einfachen Ball zu
bezeichnen
verletzt in grober Weise meine Menschenwürde!"
"Papperlapapp! Ball ist Ball!", sagte Satan.
"Ach ja?" Dimitri verlor allmählich die
Geduld. "Können Bälle etwa sprechen?"
"Natürlich. Das ist doch ganz normal. Man
bringe mir einen zweiten Ball zum Vergleich!"
Die Gerichtsdiener ergriffen einen Teufel aus
dem Publikum, schleppten ihn zu einer Guillotine und enthaupteten ihn in
Windeseile. Den abgeschlagenen Kopf überreichten
sie sofort dem Satan.
"Also, aufgemerkt!", rief Satan. "Ich frage jetzt
den zweiten Ball: Kann er sprechen?"
"Natürlich kann ich sprechen.", sagte der
Teufelskopf.
"Dann sage er etwas!"
"Was soll ich denn sagen?"
"Irgendwas, verdammt!"
"abactus, abactûs - Wegtreiben. abacus,
abacî - 1. Prunktisch; 2. Spielbrett. abalienatio, abalienatiônis
- Veräußerung. abalieno - 1. entfremden, abspenstig machen,
zum Abfall bringen; 2. veräußern, abtreten; 3. berauben [iure
civium] ..."
"Halt, halt, genug! Damit wäre wohl eindeutig
der Beweis erbracht, daß Bälle sprechen können. Euer Argument
ist also
widerlegt. Bekennt ihr euch nun schuldig, das
Handballspiel gestört zu haben?"
"In gewisser Weise ja." sagte Martin. "Ich bitte
aber zu bedenken, daß wir eigentlich gar nicht hierher gehören.
Wir sind nur
versehentlich an diesen Ort geraten, als wir
in eine Höhle oder so etwas stürzten. Da dies vermutlich nicht
der übliche Weg ist,
um hierher zu gelangen..."
"Moment mal, was soll das bedeuten?", fragte
Satan. "Heißt das, ihr seid nicht im Besitz einer offiziellen Aufenthaltserlaubnis?
Das wird ja immer schöner! Dieses Faktum
werde ich noch strafverschärfend bewerten. Somit kommt das Gericht
zu
folgendem Urteil: Die Angeklagten bekennen sich
schuldig, erstens: mutwillig ein Handballspiel gestört zu haben; zweitens:
sich
als illegale Ausländer ohne Erlaubnis in
der Hölle aufzuhalten. Das Gericht verhängt deshalb gegen sie
die Höchststrafe.
Dieselbe besteht in der Verbannung aus der Hölle
und der Verpflichtung, für ewige Zeiten auf einer Wolke sitzend Harfe
zu
spielen."
Ein entsetztes Raunen ging durch das Publikum.
Martin und Angelo sahen sich überrascht an: Damit hatten sie nicht
gerechnet.
Wenn sie erst einmal aus der Hölle herauswären,
würden sie schon irgendeinen Weg zur Erde zurück finden.
"Eure Heiligkeit, wir akzeptieren das Urteil
und sind bereit, die Strafe sofort anzutreten.", sagte Angelo. "Dürfte
ich sie jetzt
freundlicherweise um den Kopf bitten?"
"Wieso? Der Ball bleibt natürlich hier.",
sagte Satan und begann, geschickt mit den Köpfen zu jonglieren.
"Ich bekenne mich schuldig, absolut schuldig!
Und könnten Sie endlich aufhören, mich so herumzuwirbeln?", rief
Dimitris Kopf.
"Pardon, das ändert die Situation allerdings.
Ohne den Kopf sind wir nicht bereit, die Strafe anzureten.", sagte Martin
energisch.
"Oho, sie sind nicht bereit!", meinte Satan spöttisch
und jonglierte weiter. "Als ob ihr hier etwas zu fordern hättet! Aber
ich
könnte euch vielleicht den Gefallen tun,
wenn ihr ein Rätsel löst."
"Sehr gern, Eure Heiligkeit. Wie lautet das Rätsel?",
frage Angelo.
Satan sprach feierlich: "Was ist das: Es ist
erst vierfüßig, dann zweifüßig und dann dreifüßig?"
"Ich weiß es!", rief Angelo freudig. "Die
Antwort lautet: Der Mensch!"
"Falsch.", sagt Satan, der währenddessen
immer weiter jonglierte.
"Ist jetzt bald Schluß mit diesem Herumwerfen?
Mir wird schwindelig!", rief der Kopf Dimitris.
"Wieso falsch?", fragte Angelo verblüfft.
"Die Antwort muß richtig sein!"
"Quatsch! Wenn ich falsch sage, dann ist sie
falsch."
"Wenn diese Jongliererei jetzt nicht aufhört,
kann ich für nichts mehr garantieren. Ich glaube, mir wird schlecht!",
rief Dimitri.
"Die Antwort ist richtig! Oder was soll denn
sonst die Antwort sein, bitte sehr?", fragte Martin.
"Sag ich nicht.", erwiderte Satan heiter.
"Die Antwort soll falsch sein, ja? Das ist doch
nichts als eine dreiste Lüge!", empörte sich Martin.
"Und wenn schon?", meinte Satan. In diesem Moment
kotzte Dimitris Kopf in seinen Schoß, woraufhin der teuflische Penis
ins Wanken geriet und sichtlich zusammenschrumpfte.
"Aber das ist ... Das ist doch Scheiße!",
schrie Satan so laut, daß die Erde zu beben anfing. Er warf die beiden
Köpfe in hohem Bogen weg. Angelo konnte Dimitris Kopf auffangen. Durch
den Erdstoß waren große Schwefel- und Rauschwolken
entstanden, die nun den Saal vernebelten. In
dem Durcheinander konnen Angelo, Martin und Dimitris kopfloser Körper
entkommen: Sie rannten durch eine Tür, einen
dunklen Gang entlang und gelangten in eine große Halle voller Teufel.
Niemand
achtete auf sie.
"Wo sollen wir hin?", fragte Martin. Ein starker
Luftzug wehte plötzlich durch die Halle, gefolgt von einem lauten
Dröhnen.
Dann schoß wie eine gelbe Rakete eine U-Bahn
an ihnen vorbei und hielt an.
Eine Lautsprecherstimme bellte: "Voltastraße.
Letzter Bahnhof in Berlin-West. Letzter Bahnhof in Berlin-West."
"Moment mal!", rief Martin. "Das sagen sie heute
doch gar nicht mehr! Irgendwas stimmt hier nicht! Wir sind in der falschen
Zeit!"
"Richtung Leinestraße einsteigen!"
"Falsche Zeit oder nicht, steigen wir lieber
in die U-Bahn", sagte Angelo. Sie sprangen in den Zug.
"Richtung Leinestraße - zurückbleiben!"
In der U-Bahn bot sich ihnen ein merkwürdiges
Bild. Neben gelangweilten Menschen, die in ihre Zeitungen vertieft waren,
tummelten sich überall kleine rote Teufel,
die Schabernack trieben, an den Haltestangen turnten und kichernd an ihren
Genitalien herumspielten.
Angelo nahm Dimitris Kopf und setzte ihn vorsichtig
wieder auf seinen Körper.
"Ah, Leute, das tut gut!", rief Dimitri. "Ihr
glaubt nicht, wie ich meinen Körper vermißt habe. Ja, irgendwie
fehlt einem doch
etwas, so ganz ohne." Er zupfte an seinem Hals
herum und brachte den Kopf wieder in die optimale Position.
Der Zug fuhr in einen spärlich beleuchteten,
halb verfallenen Bahnhof. "Bernauer Straße" stand auf den Schildern.
In einem
Häuschen saß ein dicker DDR-Grenzpolizist
in grauer Uniform und las das "Neue Deutschland". Der Zug hielt an.
(Copyright K. Mendler 1996)
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