Weltkonstruktion ohne Repräsentation
Unsere Ausgangsfrage war, wie Maturana den Repräsentationsbegriff ablehnen kann. Inzwischen dürfte klargeworden sein, wie er zu dieser These kommt: In der Interaktion zwischen Krokodil und Milieu ist es nicht so, daß im Gehirn des Krokodils eine originalgetreue Repräsentation der Umwelt entstünde. (Für Philosophen ist diese Erkenntnis wahrlich nicht neu.) Das Krokodil gewinnt keine Informationen aus dem Milieu, es erfährt nur Perturbationen, deren Wirkungen von der Struktur des eigenen Organismus abhängig sind. ,,Die Struktur des Milieus kann seine Veränderungen also nur auslösen, aber nicht bestimmen." (Baum der Erkenntnis 145). Ein Beispiel: Das Krokodil bekommt Hunger. (Blutzuckerspiegel gesunken...) Das limbische System läßt das Instinkt-Programm ,,Nahrungssuche" anlaufen. Nun erblickt das Krokodil eine Ente, 5 m links im Winkel von 60 Grad vor ihm. Es nähert sich unauffällig, packt die Ente und verschlingt sie. Was ist geschehen? Hat das Krokodil das optische Bild der Ente als ,,Ente an sich" identifiziert und auch ihren genauen Standort berechnet? Nein, sagt Maturana: Ausschlaggebend ist die Struktur des Krokodils, das sich hier im Zustand der Nahrungssuche befand. Ein sattes Krokodil hätte vermutlich die Ente nicht nur nicht beachtet, sondern gar nicht gesehen. (Klingt das zu gewagt? Anderes Beispiel: Ein Philosophiestudent interessiert sich nicht für Kinderspielzeug. Eines Tages braucht er jedoch ein Geschenk für seinen kleinen Neffen und entdeckt auf seinem Weg zur U-Bahn ein Spielwarengeschäft, an dem er jahrelang vorbeigegangen ist, ohne es zu ,,sehen".) Das hungrige Krokodil erfährt jedoch eine optische Perturbation durch ein Etwas, das sein Instinkt als eßbar ,,erkennt". Durch das ,,Bild" der Ente auf der Netzhaut wird das Instinkt-Programm ,,fangen und fressen" aktiviert. Nun könnte man ein Experiment durchführen, wie es R. W. Sperry mit Salamandern (s. Baum der Erkenntnis 137f.) gemacht hat: Man könnte bei einem embryonalen Krokodil die Augen um 180 Grad verdrehen, ohne den Sehnerv zu verletzen. Wäre unser Krokodil auf diese Weise manipuliert worden, würde es ebenfalls den Angriff auf die Ente instinktiv durchführen - allerdings dabei um 180 Grad daneben zielen und ins Leere springen. Auch wenn dieses Experiment eigentlich trivial und nicht gerade tierfreundlich ist, macht es auf frappierende Weise klar, daß das Krokodil nicht die Ente in der ,,Außenwelt" sieht, sondern daß es im Nervensystem des Krokodils eine interne Korrelation zwischen bestimmten Retinazellen, die perturbiert werden, und dem Bewegungsapparat, dem Mund, der Zunge etc. gibt. Für Maturana wird hieraus deutlich, ,,daß die Arbeitsweise des Nervensystems Ausdruck seiner Konnektivität, das heißt, seiner Vernetzungsstruktur ist, und (...) daß Verhalten entsprechend den internen Aktivitätsrelationen im Nervensystem entsteht." (Baum der Erkenntnis 139) Nach seiner Ansicht  ist die eigentlich interessante Frage, warum sich die Ente normalerweise an der Stelle befindet, wohin das Krokodil zielt. (Die Antwort liefert natürlich wieder die Evolution: Eine Krokodil-Mutation mit anders ausgerichteten Augen wäre einfach nicht lebensfähig.)
Es dürfte nun klargeworden sein, wie Maturana den Repräsentationsbegriff ablehnen kann - in seinem Modell ist es nicht nötig, auch gar nicht möglich, daß eine Enten-Repräsentation als ,,Input" in das Gehirn des Krokodils gelangt. Allerdings muß man den Begriff ,,Input" wörtlich nehmen und nicht so weit auslegen, daß man zu einer solipsistischen Philosophie gelangte. Maturana bezeichnet seine Erkenntnistheorie ausdrücklich als Gratwanderung zwischen Repräsentationismus und Solipsismus . Eine Perturbation ist kein Input, weil nichts von dem jeweiligen ,,Etwas" der Außenwelt in das perturbierte Nervensystem hineingelangt. Die Perturbation ist aber doch ein Auslöser an einer Schnittstelle, ein ,,Anklopfen" ohne Einzutreten gewissermaßen.
Nach all diesen Beispielen aus der Tierwelt gilt es nun, zu fragen, was der Konstruktivismus für die menschliche Kognition bedeutet. 1