Der Mensch in der konstruierten
Welt
Wenn wir nun den Sprung vom Krokodil zum Menschen vollziehen, droht
sofort der Gedanke, daß alles, was ich bisher geschrieben habe, hinfällig
ist, weil ich als Mensch das dargestellte Krokodil ja ebensowenig erkennen
kann, wie jenes Krokodil die Ente. Damit wäre ich gleich zu Beginn
auf eine Meta-Ebene gestiegen und hätte den Ast abgesägt, auf
dem ich saß. Um Klarheit zu gewinnen, ist es nötig, die Ebenen
nicht sprunghaft zu verwechseln, sondern zunächst auf der biologischen
zu bleiben.
Greifen wir also die Krokodil-Situation auf: Während eines Spazierganges
werde ich hungrig (gesunkener Blutzuckerspiegel). An einer Straßenecke
werde ich dann durch Oreganogeruch olfaktorisch perturbiert. Ich sehe ein
italienisches Restaurant, Menschen, die im Freien sitzen, hin- und herlaufende
Kellner, eine verlockende Pizza auf dem Teller eines Gastes. Die Krokodil-Reaktion
wäre zweifellos: Pizza schnappen und verschlingen - ich handele jedoch
nicht so. Dies hat zwei Gründe: Erstens ist mir bewußt, daß
soziale
Bedenken gegen das Krokodil-Verhalten sprechen (der kategorische Imperativ,
muskulöse Kellner, das Eigentumsrecht unserer Gesellschaft, drohende
strafrechtliche Sanktionen, mein Ruf bei den Nachbarn...). Zweitens verfüge
ich über theoretisches Wissen, daß es mir erlaubt, die Instinkte
zu relativieren: Ich weiß zum Beispiel, daß der Schwellenwert,
der das Hungergefühl auslöst, beim Menschen auf einer archaischen
Stufe stehengeblieben ist. Der Mensch, dessen Blutzuckerspiegel unter jenen
Schwellenwert sinkt, hat noch genügend Energiereserven, um in den
Wald zu gehen, Hasen zu jagen und nach eßbaren Wurzeln zu graben.
Der Instinkt ist (noch) nicht auf den Menschen eingestellt, der stattdessen
in die Küche geht und den Mikrowellenherd einschaltet. Dieses wissend
beschließe ich, meinem Hungergefühl noch nicht nachzugeben,
weil ich sonst zu dick werde. (Wobei man auch hier soziobiologische Überlegungen
im Hintergrund vermuten könnte: Wenn ich zu dick bin, komme ich nicht
bei Frauen an, verschlechtere also meine Fortpflanzungs-Chancen...)
Man könnte zunächst fragen, ob der Mensch als ,,höheres"
Wesen im Vergleich zum Krokodil nicht doch die Möglichkeit hat, realistischen
Zugang zu seiner Außenwelt zu gewinnen. Dies ist aber nicht der Fall:
Die biologischen Unterschiede zwischen Krokodil und Mensch betreffen im
Wesentlichen nicht den Wahrnehmungsapparat. Im übrigen gibt es beim
Menschen empirische Daten, die zur Stützung der konstruktivistischen
Theorie dienen können. Aufschlußreich ist hier zum Beispiel
die menschliche Farbwahrnehmung, die auch den Ausgangspunkt von Maturanas
Forschungen bildete. Die alte, auch heute noch von einigen Physiklehrern
verbreitete Erklärung der Farbwahrnehmung lautete: Wir sehen die Wellenlänge
des Lichtes als eine bestimmte Farbe. Die Farbe, in der wir einen Gegenstand
sehen, entspricht der Wellenlänge des Lichtes, das von ihm reflektiert
wird. Diese Erklärung ist inzwischen widerlegt - es klingt fast wie
ein Treppenwitz der Wissenschaftsgeschichte, daß damit die Farbenlehren
Goethes und (daran anknüpfend) Schopenhauers, über die seit über
einem Jahrhundert nur noch gelächelt wurde, nun in einem ganz neuen
Licht erscheinen können. Das Experiment mit den ,,farbigen Schatten"
(auf das sich schon Goethe stützte) zeigt, daß wir nicht die
meßbaren Wellenlängen sehen, sondern ,,optische Täuschungen"
- wobei aber der Begriff ,,Täuschung" absurd wird, wenn er in unserer
Wahrnehmung nicht die Ausnahme, sondern die Regel bezeichnet (s. Baum der
Erkenntnis 25f.). Unsere gesamte Alltagswahrnehmung besteht aus ,,optischen
Täuschungen": Wir sehen Telefonzellen zu allen Tageszeiten in leuchtendem
Gelb, obwohl sie nur mittags bei hochstehender Sonne tatsächlich der
physikalischen Wellenlänge ,,gelb" entsprechen; am Nachmittag müßten
wir die Telefonzellen in tiefem Orange sehen, doch zumindest ich habe dieses
Phänomen noch nie wahrgenommen. Verallgemeinernd läßt sich
daraus schließen: Wir sehen nicht die physikalische Realität,
sondern wir konstruieren uns eine Welt aufgrund bestimmter Perturbationen,
wobei einzelnen Gegenständen offenbar bestimmte Eigenschaften (z.
B. Farben) zugeordnet werden und unsere Wahrnehmung gewisse Schwankungen
zugunsten eines identischen Erscheinungsbildes ausblendet. (Natürlich
können die Schwankungen auch den Rahmen sprengen: Wenn irgendein Scherzbold
einmal eine Telefonzelle blau anmalen sollte, würde uns das auffallen.)
Wie Messungen der neuronalen Aktivität beim Sehvorgang ergeben
haben, stammen 20 % der Impulse von den mit der Retina verknüpften
Neuronen, die anderen 80 % jedoch aus ganz anderen Regionen des Gehirns
. Dies ist ein weiteres Argument für den Konstruktivismus: Wir konstruieren
das, was wir sehen, wobei wir zwar auf einer Netzhaut-Perturbation aufbauen,
das Verhältnis zwischen Perturbation und Konstruktion jedoch 20 zu
80 ist. Dabei müssen wir natürlich immer berücksichtigen,
daß auch jene 20 % nur die Retina-Eindrücke darstellen, und
nicht etwa die ,,Realität". Ich lasse offen, ob es überhaupt
keinen ,,Input" gibt, wie Maturana meint, oder ob man doch einen geringeren
Prozentsatz tatsächlichen Inputs unterstellen darf. Mir scheint, daß
Maturana seinen eigenen Konstruktivismus vergißt, wenn er so hartnäckig
jeglichen Input leugnet. Wenn sich nun jemand ein Weltbild konstruiert,
zu dem der Input gehört? Jedenfalls ist es relativ belanglos für
das konstruktivistische Modell, ob der Input bei der Wahrnehmung 5 % oder
0 % beträgt.
Wenn Maturana dann außer dem Input auch noch den Begriff der
,,Information" ablehnt, also meint, daß eine Perturbation keine Information
ist, scheint er mir jedoch über das Ziel hinauszuschießen. Man
könnte ihm vielleicht noch folgen, wenn man nur die Duden-Definition
akzeptiert, wonach eine Information eine ,,als räumliche oder zeitliche
Folge physikalischer Signale, die mit bestimmter Wahrscheinlichkeit oder
Häufigkeit auftreten, sich zusammensetzende Mitteilung, die beim Empfänger
ein bestimmtes [Denk]verhalten bewirkt", ist. Maturana würde sagen,
daß es Mitteilungen nicht geben kann, weil die Menschen als operational
geschlossene Systeme nichts wirklich miteinander ,,teilen" könnten.
Es gibt aber die noch elementarere Definition von Gregory Bateson: Information
ist ,,ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht" (Ökologie des
Geistes 582). Legt man diese Definition zugrunde, ist eine Perturbation
natürlich eine Information, denn wenn ich an einer Straßenecke
von Oreganogeruch perturbiert werde und an der nächsten Ecke von Benzingeruch,
dann bemerke ich einen Unterschied zwischen den beiden Perturbationen.
Dieser Unterschied kann nicht in meinem Wahrnehmungsapparat lokalisiert
werden, sondern er muß in den beiden Perturbationen selbst zu finden
sein: Sie enthalten einen Unterschied, der einen Unterschied ausmacht,
also eine Information.