Die Grundlagen des Konstruktivismus
Im Unterschied zu anderen Kognitionsforschern setzt Maturana den Menschen nicht einfach voraus, sondern beginnt seine Untersuchungen auf einer viel ,,niedrigeren" Ebene: bei Lebewesen im allgemeinen, biologischen Strukturen. Wie bereits angedeutet wurde, ist der Begriff der Strukturdeterminiertheit für ihn von grundlegender Bedeutung. Fragen wir also zunächst, was Maturana mit ,,Struktur" meint.
,,Unter der Struktur von etwas werden die Bestandteile und die Relationen verstanden, die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit konstituieren und ihre Organisation verwirklichen." (Baum der Erkenntnis 54) Biologische Einheiten haben die besondere Eigenschaft, sich andauernd selbst zu erzeugen - Maturana nennt dies Autopoiese. Zellen sind autopoietische Einheiten, d. h., zunächst sind sie als Einheiten durch eine Membran von ihrer Umgebung getrennt. Innerhalb dieser Einheit sind die Moleküle durch mannigfaltige Wechselwirkungen miteinander verbunden. Aber die Abgrenzung zur Umwelt ist nicht hermetisch, sondern die Membran ist durchlässig für ganz bestimmte Moleküle, so daß ein ständiger Austauschprozeß (zellulärer Metabolismus) stattfindet. Es werden solche Moleküle ins Innere gelassen, die zur Struktur der Zelle passen - sie konstituieren die Zelle. Damit konstituieren sie auch die Membran, die eine Grundvoraussetzung des Metabolismus ist - wir haben es also mit einem seltsamen rekursiven Prozeß zu tun, der die Besonderheit autopoietischer Systeme darstellt: Ohne Membran keinen Metabolismus, ohne Metabolismus keine Membran. Die Frage ,,Was war zuerst da?" ist jedoch unangemessen, denn es handelt sich nicht um sequentielle Prozesse, sondern um ein einheitliches System von Wechselwirkungen, dessen Ursache (wenn man sie denn sucht, was wir jedoch den Biochemikern überlassen wollen) wiederum außerhalb seiner selbst zu finden sein muß .
Gehen wir weiter zur nächsten Stufe, den mehrzelligen Organismen. Nehmen wir als Beispiel das oben schon vorgestellte Krokodil. Ist es auch ein autopoietisches System, oder nicht?
Auch das Krokodil hat einen Stoffwechsel, wächst und pflanzt sich fort, es bildet sich also selbst (bzw. seine Art). Maturana nennt es ein autopoietisches System zweiter Ordnung. Von grundlegender Bedeutung sind auf dieser Ebene die komplexen Interaktionen auf unterschiedlichen Gebieten. Einmal sind die Zellen nun eingebunden in eine umfassendere Struktur, in der sie spezifische ,,Funktionen" (ich fürchte, Maturana wäre mit diesem Begriff nicht zufrieden) ausüben. Außerdem lebt der Organismus aber auch in einer strukturellen Koppelung mit seiner Umwelt (Milieu). Maturana sagt bewußt nicht, das Lebewesen sei an sein Milieu angepaßt, denn er hat eine vom Darwinismus abweichende Evolutionstheorie. Seine Formulierung lautet stattdessen, daß Lebewesen und Milieu ,,für einander reziproke Perturbationen bilden. Bei diesen Interaktionen ist es so, daß die Struktur des Milieus in den autopoietischen Einheiten Strukturveränderungen nur auslöst, diese also weder determiniert noch instruiert (vorschreibt), was auch umgekehrt für das Milieu gilt." (Baum der Erkenntnis 85)
Hier taucht ein weiterer wichtiger Begriff auf, der Begriff ,,Perturbation", der zunächst geklärt werden muß. ,,Perturbare" heißt eigentlich ,,stören", ,,in Unordnung bringen", was bei Maturana aber nicht negativ gemeint ist. Perturbation nennt er jede Einwirkung auf ein System, die nicht destruktiv ist (letzteres wäre eine ,,Disturbation"). Alle Interaktionen, die Zustandsveränderungen auslösen, sind Perturbationen (Baum der Erkenntnis 85). Der Begriff entspricht damit dem kantischen Terminus der Affektion.
Das Krokodil lebt also in einem bestimmten Milieu (Nil, Berliner Zoo), in dem die Perturbationen, die es erfährt, seinen Stoffwechsel gewährleisten und seine Fortpflanzung erlauben. In anderen Milieus (Spree, Havel) kann es nicht leben, weil dort bestimmte Perturbationen (Temperatur, Schadstoffgehalt des Wassers) zu Disturbationen würden. Aber nicht nur das Milieu bildet Perturbationen für das Krokodil, sondern auch umgekehrt - wobei die Perturbationen des Krokodils z. B. auf das Klima nur gering (wohl gleich Null), auf das Verhalten anderer Tierarten aber beträchtlich sein dürften. Das deutlichste biologische Beispiel (von Maturana allerdings nicht erwähnt) für die Wechselwirkung zwischen Art und Umwelt ist die Evolutionsgeschichte der Pferdearten, in der die Tiere selbst mit Zähnen und Hufen allmählich die Steppe geschaffen haben, die ihr Milieu bildete.
Wenn unter den Nachkommen des Krokodils Mutationen sind, dann ist die entscheidende Frage, ob sie lebens- und fortpflanzungsfähig sind, oder nicht. Wenn nicht, verschwinden sie früher oder später wieder, wenn doch, können sie den Ausgangspunkt einer neuen Art bilden. (Hierin liegt der Unterschied zwischen Maturana und den Darwinisten. Nach dem darwinistischen Modell muß eine Mutation, die sich durchsetzt, besser an das Milieu angepaßt sein, als die anderen Organismen. Für Maturana dagegen spielt ,,gut" und ,,besser" leben keine Rolle, sondern nur die Lebens- (und Fortpflanzungs-) Fähigkeit überhaupt.)
Aus diesen Überlegungen folgt konsequent die konstruktivistische Ablehnung des Repräsentationsbegriffes. 1