Klaus Mendler
Sartres "Wahrheit und Existenz" (ein ungesendetes Radio-Feature)
 

A (Männerstimme, etwas wehleidig, angewidert): Was ist eigentlich los mit der Philosophie? Wo sind die großen Geister geblieben, die Meisterdenker, die Intellektuellen?

B (Frauenstimme, spöttisch): Ja, wo denn nur? Gibt es etwa heute keine mehr?

A: Ich weiß, was du hören willst: Habermas ..., Luhmann ..., die Poststrukturalisten ..., die Dekonstruktivisten ..., die Sprachanalytiker ... Aber das ist doch alles ziemlich langweilig verglichen mit, zum Beispiel - Jean-Paul Sartre!

B: Sartre? Von dem gibt es doch gerade was Neues!

A: Etwas Neues von Sartre? Du machst vielleicht Witze! Schließlich ist Sartre schon seit 1980 tot!

B: Stimmt. Aber schau her: Jean-Paul Sartre 1996 - "Wahrheit und Existenz". Ein Buch aus seinem Nachlaß.

A (erstaunt): "Wahrheit und Existenz", tatsächlich! Aber - soll ich das lesen? Nachlaßtexte, ich weiß nicht, schließlich habe ich Sartres Hauptwerke gelesen, "Das Sein und das Nichts" und die "Kritik der dialektischen Vernunft". Warum soll ich da noch in seinen Notizbüchern herumstöbern?

B: Hast du die "Kritik der dialektischen Vernunft" verstanden?

A (leicht verlegen): Nun ja - Sartre soll zu der Zeit, als er an dem Werk schrieb, zwei Röhrchen Captagon am Tag geschluckt haben, und mir schien, man braucht mindestens dieselbe Dosis, um das Buch zu lesen.

B (lacht): Vielleicht lag es auch eher daran, daß dir das Verbindungsglied zwischen "Das Sein und das Nichts" und der "Kritik" fehlt. Hier hast du es, das missing link: "Wahrheit und Existenz".

A: Du machst mich neugierig. Worum geht es in dem Buch?

B: Um die Wahrheit. Um die Moral. Um die Geschichte.

Sartre (Hintergrundgeräusche: französisches Café, gedämpfter Straßenverkehr): Wenn die Unauthentizität ein gemeinsamer Seinsmodus ist, dann ist die ganze Geschichte unauthentisch, und das Handeln in der Geschichte führt zur Unauthentizität; die Authentizität kehrt zum Individualismus zurück. Wenn umgekehrt die Natur des Menschen am Ende der Geschichte steht, muß man die Unauthentizität um ihrer selbst willen als Bedingung des historischen Kampfes wollen. Jede Lehre der Konversion läuft Gefahr, ein Ahistorismus zu sein. Jede Lehre der Geschichtlichkeit läuft Gefahr, ein Amoralismus zu sein.

A: Jede Lehre der Konversion läuft Gefahr, ein Ahistorismus zu sein? Was soll der Begriff "Konversion" bedeuten?

B: Es ist ein Begriff aus Sartres Moralphilosophie, die er am Ende von "Das Sein und das Nichts" angekündigt, aber nie veröffentlicht hat. Die gewöhnliche Seinsweise ist die Unauthentizität, die darin besteht, daß das Für-sich versucht, An-sich zu werden.

A: Ja. das kenne ich noch: das Für-sich ist der Mensch, das menschliche Bewußtsein, das An-sich dagegen ist die Welt der Dinge. Nun versucht das Bewußtsein, ein Ding zu werden ...

B: Wer bist du? Ein dreißigjähriger Magister der Germanistik, der von Sozialhilfe lebt und jetzt versucht, sich eine Existenz als Literaturkritiker aufzubauen?

A: Könnte man so sagen. Aber ...

B: Aber eigentlich ist das eine sehr oberflächliche Beschreibung. Eigentlich bist du ein Bewußtsein, das sagt: Ich denke, also bin ich. Punkt. Alles weitere, Magister, Sozialhilfeempfänger etc., kommt erst danach. Das ist zufällig, kontingent, das ergab sich daraus, daß wir in diese Welt geworfen wurden, ohne gefragt zu werden. Nach Sartre neigen wir nun dazu, uns mit diesen kontingenten sozialen Situationen zu identifizieren, und zu sagen: Ich bin Sozialhilfeempfänger. Um authentisch zu leben, muß der Mensch aber diese Verdinglichung seiner selbst unterlassen, und sich stattdessen als Existierender in Frage stellen. Diesen Entwurf bezeichnet Sartre als "Konversion".

A: Und warum ist diese Konversion ahistorisch?

B: Sie läuft Gefahr, ein Ahistorismus zu sein. Der Mensch gerät in eine Art Zwickmühle: Einerseits will er authentisch sein, andererseits will er im politisch-gesellschaftlichen Raum handeln - also in der Geschichte - und das kann er nur, wenn er bestimmte soziale Rollen übernimmt. Darüber hinaus gerät er in Konflikte mit anderen und muß sich damit abfinden, daß seine Pläne nie so verwirklicht werden können, wie er eigentlich wollte. Das Ziel der radikalen Authentizität kann so zum Individualismus führen, zum vollkommenen Verzicht auf geschichtliches Handeln, also zum Ahistorismus.

A: Aber andererseits läuft die Geschichtlichkeit Gefahr, ein Amoralismus zu sein?

B: Ja, denn sie geht einher mit der Erkenntnis, daß alle moralischen Werte ihre bestimmte historische Funktion innerhalb einer Gesellschaft haben. Diese Relativität der Moral kann dazu verführen, ihren Wert völlig zu leugnen, was Amoralismus und Nihilismus bedeuten würde.

A: Wie will Sartre nun dieses Dilemma lösen?

B: Durch eine Synthese. Der Mensch soll nach Authentizität streben, aber durch Vergeschichtlichung. Das heißt, die Suche nach einem Sinn des Lebens wird verknüpft mit einem Ziel der Geschichte, allerdings ist dieses Ziel ein Mythos, der von der Geschichte selbst immer wieder hinausgeschoben wird.

A: Aber wenn es ein Mythos ist, entspricht es doch nicht der Wahrheit?! Wie kann es authentisch sein, das Leben auf Unwahrheit auszurichten?

B: Damit sind wir beim Hauptthema: Wahrheit und Existenz. Sartre sagt: Wahrheit ist Erscheinung. Der Mensch lebt in der Wahrheit wie der Fisch im Wasser.

A: Eine überraschende These. Der Mensch kann das Ding an sich doch nicht erkennen, wie wir seit Kant wissen!

B: Gerade deshalb geht uns das Ding an sich nichts an: Durch Nietzsche und die Phänomenologie wurde der Wahrheitsanspruch der Erkenntnis einige Stufen niedriger angesetzt. Wenn der Begriff "Wahrheit" in der menschlichen Welt überhaupt noch einen Sinn haben soll, muß er sich auf die Phänomene beziehen

Sartre: Der Irrtum, sagt man, ist die Erscheinung. Das ist falsch. Im Gegenteil, die Erscheinung ist immer wahr, wenn man sich an sie hält. Die Erscheinung ist das Sein.

A: Wenn ich aber im Dunkeln einen Baum für einen Menschen halte, so ist dieser Eindruck doch Illusion, und nicht Wahrheit.

B: Wo, meinst du, liegt da die Illusion?

A: Im Phänomen.

B: Nein, eben nicht, sondern in deiner Interpretation. Das Phänomen ist ein dunkles Etwas, das du siehst, und als solches ist es vollkommen wahr. Aber deine Interpretation versucht, dieses Etwas in einen Kontext der Wirklichkeit einzuordnen, und das erzeugt die Illusion.

A: Aber heißt das nicht doch wieder, die "richtige" Interpretation würde dem Baum an sich entsprechen? Was ist sonst das Kriterium, die Wahrheit oder Falschheit von Interpretationen zu beurteilen?

B: Ganz einfach: Helligkeit. Es geht keineswegs um irgendein Ding an sich hinter dem Baum, sondern nur um jenes Phänomen, was du im hellen Licht als Baum erkennst. Würdest du ernsthaft bestreiten, die Interpretation, die es im Dunkeln für einen Menschen hält, sei falsch, während die Deutung, die jenes Etwas auch dann für einen Baum hält, wahr zu nennen sei? Siehst du! Das Kriterium ist allein, wie Sartre sagt, die Helle, und das ist nicht trivial. Die Helle ist eine Seinsdimension, die dem Sein durch das Erkennen verliehen wird.

A: Ich verstehe: Hier wird die menschliche Erkenntnis in ihrer Koppelung an die Physiologie gesehen, die wiederum von den natürlichen Umweltbedingungen abhängt. Wahrnehmung ist zum großen Teil Sehen, und man sieht nur im Hellen, im Dunkeln dagegen nicht. So kann man wirklich "die Helle" eine Seinsdimension nennen - das Wort klingt so kompliziert, dabei ist es ganz einfach. Übrigens erinnert der Ausdruck "Helle" mich stark an Heidegger.

B: In der Tat. Sartres "Wahrheit und Existenz" ist auch eine Auseinandersetzung mit Heideggers Schrift "Vom Wesen der Wahrheit".

Heidegger (sehr langsam, jedes Wort betont; Hintergrund: Schwarzwaldgeräusche - Vögel singen, ein Specht klopft, ein Bach plätschert): Das Offenbare, dem sich ein vorstellendes Aussagen als richtiges angleicht, ist das jeweils in einem offenständigen Verhalten offene Seiende. Die Freiheit zum Offenbaren eines Offenen läßt das jeweilige Seiende das Seiende sein, das es ist. Seinlassen ist das Sicheinlassen auf das Seiende. Seinlassen bedeutet, sich einlassen auf das Offene und dessen Offenheit, in die jegliches Seiende hereinsteht, das jene gleichsam mit sich bringt.

B: Hier stimmt Sartre mit Heidegger überein. Er betont jedoch stärker die menschliche Seite und sagt ausdrücklich, daß es Wahrheit nur für und durch den Menschen geben kann; ohne ihn würde das Sein in Dunkelheit fallen. Wahrheit ist für Sartre die, wie er es nennt, Totalität des Seins, insofern es für den Menschen faßbar wird. Hinzu kommt allerdings noch die Kommunikation: Wahrheit besteht nicht im einzelnen Bewußtsein, sondern erst im Austausch mit anderen.

A: Erst im Austausch mit anderen? Was soll das nun wieder bedeuten? Wenn ich den Baum als Baum erkenne, so ist das doch eine Wahrheit, ganz egal, ob ich alleine bin, oder mit jemandem darüber spreche?

B: Wahrheit liegt immer in einem Urteil. Für dich allein urteilst du jedoch nicht: Du siehst. Ein Urteil ist die Geste, mit der du das von dir Gesehene einem anderen zum Geschenk machen willst.

A: Das erinnert mich an "Das Sein und das Nichts" - also entsteht Wahrheit dadurch, daß das menschliche Dasein, das "Für-sich", das Enthüllte gegenüber dem Anderen veräußerlicht, und so kehrt die Wahrheit als An-sich zum Für-sich zurück.

B: Genau.

A: Gut, das habe ich verstanden. Aber was hat das alles jetzt mit der Geschichte zu tun?

B: Wenn die Wahrheit ein Geschenk ist, das du einem anderen machst, dann kommt die Frage ins Spiel, an wen diese Wahrheit letztlich adressiert ist. Ich schenke sie jemandem, der schenkt sie wiederum weiter - hier droht die Gefahr, in eine unendliche Reihe zu geraten, und das wäre die vollkommene Sinnlosigkeit.

A: Diese Reihe ist eine zeitliche Reihe, und damit sind wir bei der Geschichte.

B: Ja. Um der Sinnlosigkeit zu entgehen, fordert die Wahrheit einen harmonischen Abschluß der Geschichte, eine letzte Subjektivität oder eine letzte Generation, auf die alles zuläuft. Dadurch werden wir jedoch zu bloßen Mitteln für diesen letzten Zweck gemacht, die Zeitlichkeit selbst und damit die Geschichte wird negiert. Wenn die Geschichte als Geschichte bejaht wird, ist ihr Ende nicht als Ziel vorstellbar, sondern nur als eine sinnlose Katastrophe, die alle Entwicklungslinien plötzlich abschneidet.

A: Dann ist das Dilemma um das mythische Ziel der Geschichte, das wir vorhin schon im Individuum festgestellt hatten, als ein tragischer Konflikt bereits in der Geschichte selbst angelegt. Wie will Sartre nun diesen Konflikt lösen?

B: Er sieht nur eine Lösung: Das Individuum muß seine Endlichkeit akzeptieren.

Sartre: Es ist lange her, daß wir von den Gespenstern unserer Großväter befreit worden sind. Wenn wir uns jetzt von den Gespenstern unserer Urenkel befreien würden. - Die letzte Hinterwelt ist die Welt von übermorgen.

B: Die Empfänger der Wahrheit, die ich mitteile, sind ja zunächst ganz konkrete Menschen, die ich selbst ausgewählt habe. Hinter diesen Individuen liegt die Unendlichkeit, in der meine Wahrheit ihren Weg gehen wird, wohin auch immer, aber diese Unendlichkeit liegt im Dunkeln, liegt jenseits der Grenze, die ich mir gesteckt habe, sie geht mich nichts an. Ich wähle so für mich selbst ein Ende der Geschichte. Genau das meinte Sartre mit seinem bekannten Wort, man solle "für seine Epoche schreiben".

Sartre: "Für seine Epoche schreiben" hat man so verstanden, als ob es bedeute: für seine Gegenwart schreiben. Nein, es heißt, für eine konkrete Zukunft schreiben, die begrenzt ist durch die Hoffnungen, die Befürchtungen und die Handlungsmöglichkeiten aller und eines jeden. Diese fünfzig, hundert Jahre Geschichte genügen, den Wahrheitsbereich abzustecken, in dem ich mich bewege. Die Wahrheit ist subjektiv. Die Wahrheit einer Epoche, das ist ihr Sinn, ihre Gestimmtheit usw., wenn und soweit sie als Entdeckung von Sein gelebt werden.

A: Also ist die Wahrheit doch nur subjektiv und hat keine absolute Bedeutung!

B: Die Wahrheit ist zwar subjektiv, aber dennoch ist sie absolut wahr, solange sie für dich lebendig ist. Sartre unterscheidet zwischen lebendigen und toten Wahrheiten.

A: Lebendige und tote Wahrheiten? Klingt ja sehr eigenartig!

B: Eine Wahrheit ist lebendig, solange sie Erleuchtung oder Engagement für einen Anderen bedeuten kann. Mit der Zeit verhärtet sie sich, sie wird zum Gesetz, bis sich die Wahrheit nach einigen Generationen vollkommen zum An-sich verwandelt hat, zur Tatsache. Damit ist sie tot, weil niemand sich mehr für sie interessiert. Leider haben die Menschen lange die toten Wahrheiten den lebendigen vorgezogen.

A: Dann besteht offenbar der gesamte Lehrstoff an den Schulen aus toten Wahrheiten.

B: Du sagst es. Vermutlich deshalb geht niemand freiwillig in die Schule. Denn Freiheit und Wahrheit gehören zusammen, wie auch schon Heidegger sagte.

Heidegger: Das Wesen der Wahrheit enthüllt sich als Freiheit. Diese ist das ek-sistente, entbergende Seinlassen des Seienden. Jedes offenständige Verhalten schwingt im Seinlassen von Seiendem und verhält sich jeweils zu diesem oder jenem Seienden.

A: Moment mal - was hat das mit Freiheit zu tun? Ich habe unter Freiheit bisher etwas anderes verstanden.

Heidegger: Freiheit ist nicht nur das, was der gemeine Verstand gern unter diesem Namen umlaufen läßt: das zuweilen auftauchende Belieben, in der Wahl nach dieser oder jener Seite auszuschlagen. Freiheit ist nicht die Ungebundenheit des Tun- und Nichttunkönnens. Die Freiheit ist alldem zuvor die Eingelassenheit in die Entbergung des Seienden als eines solchen.

A: Bei Sartre hört sich das aber doch ziemlich anders an, zumindest in "Das Sein und das Nichts". Wie ist es in "Wahrheit und Existenz"?

Sartre: Die Grundlage einer jeden Enthüllung von Sein ist die Freiheit, das heißt die Seinsart eines Seins, das sich selbst sein eigener Entwurf ist. Erkenntnis ist nur in dem Maße gegeben, wie es Freiheit gibt. Allein schon die Idee von Erkennen, von Enthüllen kann nur für eine Freiheit Sinn haben. Und umgekehrt ist es unmöglich, daß das Auftauchen einer Freiheit nicht ein enthüllendes Verstehen des Seins und den Entwurf impliziert, zu enthüllen. Kurz gesagt, keine Freiheit ohne Wahrheit.

A: Demnach beruht die Wahrheit auf der Freiheit, und die Freiheit auf der Wahrheit. Aber ich komme nicht ganz mit - warum kann es Erkenntnis nur für eine Freiheit geben?

B: Weil der Mensch jederzeit wählen kann zwischen Wahrheit und Unwahrheit. Wenn das Sein für den Menschen nicht zunächst verhüllt wäre, hätte Enthüllung keinen Sinn. Diese doppelte Möglichkeit der Wahrheit oder Unwahrheit bildet den Hintergrund der Erkenntnis. Vor diesem Hintergrund beruht jede Enthüllung auf einem Entwurf, sie ist eine Handlung. Umgekehrt ist jede Handlung auch Enthüllung der Wahrheit.

A: Jede Handlung enthüllt die Wahrheit? Ach so, weil der Mensch in der Wahrheit lebt wie der Fisch im Wasser. Ich verstehe - aber wie verhält es sich mit der anderen Seite: Warum kann es keine Freiheit ohne Wahrheit geben?

B: Freiheit heißt bei Sartre immer, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Damit ist zugleich aber auch die Verantwortung gegenüber der Wahrheit eingeschlossen. Der Mensch muß wählen, ob er sie enthüllt oder nicht, er kann diese Verantwortung selbst aber nicht zurückweisen. Die Freiheit kann es nicht ungeschehen machen, daß zugleich mit ihr die Wahrheit in der Welt aufgetaucht ist, sie kann lediglich wählen, sie nicht zu enthüllen.
Übrigens bedeutet die Leugnung der Wahrheit deshalb auch die Leugnung der Freiheit. Wer sagt: Wahrheit gibt es nicht, alles ist relativ, es gibt verschiedene Meinungen und alle sind irgendwie berechtigt - wer das sagt, leugnet die Freiheit. Denn für eine bloße Meinung ist man nicht verantwortlich, man "hat sie eben" und führt sie zurück auf die Erziehung, auf das Milieu, oder auf irgendwelche Zufälle. Aber wer die Freiheit bejahen will, muß die Verantwortung für seine Enthüllungen übernehmen, und dann hat er keine Meinungen, sondern sieht die Wahrheit.

A: Aber Freiheit bedeutet doch Wahl, und kann man wirklich den Irrtum der Wahrheit vorziehen? Das wäre dann die Unauthentizität, gut. Aber normal ist doch, die Wahrheit zu wählen?

B: Sartre meint hier zunächst noch etwas anderes, nämlich das Nicht-Wissen als Grundlage des Wissens. Wenn Sokrates sagt: "Ich weiß, daß ich nichts weiß.", dann ist das nicht die statische Feststellung des Nicht-Wissens, sondern der Anspruch, potentiell alles wissen zu können. Nur jetzt, in der Gegenwart, weiß ich nichts, ich kann mir das Wissen aber in der Zukunft erobern. Die Verzeitlichung, und damit das Nichts, gehört untrennbar zur Erkenntnis. Platon hat hier endlose Verwirrung gestiftet, als er die Wahrheit dem Sein und den Irrtum dem Nicht-Sein zuordnete.

A: Wenn wir aber nochmal zu jenem Beispiel zurückkehren, zu dem Baum, den ich irrtümlich für einen Menschen halte - da ist doch der Baum die Wahrheit und das Sein, aber der irrtümliche Mensch ist Nicht-Sein.

B: Nein. Solange du den Baum nicht siehst, ist er als Baum ein Nicht-Sein. An seiner Stelle steht nur ein unklares Etwas, dessen Wahrheit du zunächst erobern mußt. Hier liegt übrigens ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Sartre und Heidegger: Für Sartre kann der Mensch die Wahrheit nie passiv empfangen, er muß sie sich immer aktiv aneignen. In diesem Fall bedeutet das: Du bildest in deinem Gehirn aus den optischen Sinneseindrücken die Gestalt eines Baumes, und diese Gestalt verfestigt sich, so daß sie von dem gesehenen Etwas nicht mehr zu lösen ist. Das ist genauso wie mit diesen Vexierbildern - man sagt dir, da seien zwei Gesichter, aber du siehst zunächst nur eine Vase, bis sich plötzlich die Vasengestalt auflöst und du nichts anderes als die Gesichter mehr sehen kannst.

A: Also liegt doch die Wahrheit allein im Subjekt, und das Objekt ist ein unerkennbares Etwas.

B: Nicht ganz. Das Objekt antwortet durchaus auf die Fragen des Subjekts. Aber es antwortet nur auf Fragen, es offenbart sich nicht von sich aus.

A: Ich verstehe immer noch nicht, wieso der illusorische Mensch als Sein bezeichnet werden kann. Das Beispiel mit dem Vexierbild paßt hier doch nicht, denn darin haben Vase und Gesichter ihre gleiche Berechtigung, während der Baum eindeutig kein Mensch ist, und wenn ich ihn dafür halte, ist es ein klarer Irrtum.

B: Der Unterschied liegt aber nur darin, daß es sich beim Vexierbild um keine konkrete Situation handelt, in der du bestimmte Zwecke verfolgst. Sartre führt hierzu noch ein besseres Beispiel an: Du streust Salz auf dein Essen und stellst später fest, daß es süß schmeckt. Es war Zucker. Man kann sagen, dir sei ein Irrtum unterlaufen, genau genommen ist aber nur deine Antizipation mißlungen: Wenn du Salz auf dein Essen streust, antizipierst du, daß es einen bestimmten Geschmack haben wird, und diese Antizipation wird dann durch den salzigen Geschmack verifiziert. Ein süßer Geschmack wäre eine negative Verifizierung, aber auch das ist nicht Nichts. Irrtum nennst du es nur, weil du einen bestimmten Zweck verfolgt und nun den Schaden hast.

A: Demnach ist das An-sich ständig von unseren Antizipationen umgeben, die durch das Handeln verifiziert werden. Aber ich kann doch nicht ständig alles verifizieren?

B: Gerade deshalb mußt du das Risiko des Irrtums auf dich nehmen, weil, wie Sartre sagt, die Verifizierung sukzessiv ist, da die Wahrheit sich verzeitlichen muß. Du müßtest also jedesmal, wenn du zum Salzstreuer greifst, den Geschmack prüfen - das würde dich jedoch von anderen Handlungen abhalten, deshalb vertraust du auf deine Antizipation und riskierst den Irrtum.

A: Gut, jetzt wundere ich mich aber doch wieder über den früheren Satz, wonach der Mensch die Freiheit hat, zwischen Wahrheit und Irrtum zu wählen. Wenn die Wahrheit in der Antizipation liegt, dann wählt doch niemand freiwillig den Irrtum. Ich meine, wenn ich antizipiere, daß in dem Gefäß Salz ist, wäre es vollkommen absurd, die negative Verifizierung, also den Zucker zu wählen.

B: Um diese Alternative geht es der Freiheit auch nicht. Vielmehr kann Wahrheit nie allein stehen, sondern taucht immer nur als die doppelte Möglichkeit Wahrheit-Irrtum auf. Wenn durch magische Kräfte alle deine Antizipationen wahr wären, könntest du das Wort "Wahrheit" aus deinem Vokabular streiche, es hätte für dich keine Bedeutung mehr. Die Freiheit gibt es für den Menschen nur, weil jede wahre Antizipation sich durch die Möglichkeit des Irrtums definiert. Und die Wahl, vor der du stehst, ist nicht die zwischen Wahrheit und Irrtum, sondern zwischen Verifizierung deiner Antizipation und Risiko des Irrtums.

A: Das ist eine wirkliche Alternative, vor allem, wenn es sich um unangenehme Wahrheiten handelt. So könnte jemand, der den Verdacht hat, er habe sich mit HIV infiziert, absichtlich die Augen davor verschließen und nicht zum Arzt gehen, anstatt seinen Gedanken zu verifizieren.

B: So ist es, und das verdeutlicht nochmal die Verbindung von Wahrheit und Freiheit: Der HIV-Infizierte, der nicht zum Arzt geht, macht den Zufall zum Herren der Verifizierung, denn erst, wenn er wegen einer zufälligen Erkrankung den Gang zum Arzt nicht mehr vermeiden kann, wird die Infektion entdeckt werden. Die Angst vor der Wahrheit ist die Angst vor der Freiheit. Zugleich setzt der Wille zur Ignoranz voraus, daß das nicht gesehene Sein ins Nichts stürzt. Ignoranz ist die Entscheidung, das Sein in der Dunkelheit versinken zu lassen. Aber gerade indem man das Sein nicht kennen will, bestätigt man, daß es erkennbar ist.

A: Der Wille zur Ignoranz ist also unvermeidlich zum Scheitern verurteilt.

B: Nicht ganz - Sartre sagt, der Tod ist die vollkommene Vollendung der Ignoranz, weil er jede Verifikation unentschieden läßt. Wenn also der Aids-Kranke bis zum Tod seine Krankheit ignorieren kann, ist es ihm gelungen, das Sein der Krankheit im Nichts zu lassen.

A: Damit entspricht die Ignoranz doch dem, was Sartre sonst als "Unaufrichtigkeit" bezeichnet.

B: Richtig, diese Ignoranz ist eine Form der Unaufrichtigkeit. Das Für-sich verleugnet seine existentielle Struktur, deren Bedingung eben die Verifikation ist - stattdessen tut es so, als ob es An-sich wäre. Das Für-sich verneint seine Freiheit und projiziert sie auf die Welt, woraufhin die Freiheit von dort als Schicksal zurückkommt. Die Ignoranz macht also den Zufall und das Schicksal zum Herren über das Leben.

A: Ist Schicksal nicht eher das Gegenteil von Zufall?

B: Ja, für den der an das Schicksal glaubt. Für Sartre dagegen sind es zwei Seiten derselben Münze: Der Kranke aus unserem Beispiel unterwirft sich dem Zufall, nennt ihn aber Schicksal.

A: Damit wendet sich Sartre wohl gegen Nietzsche und dessen Amor fati, die Schicksalsliebe?

B: Nicht unbedingt. Es geht darum, die eigene Freiheit anzunehmen und die Verifizierung des Seins zu bejahen. Der Mensch, der den Verdacht hat, er könne infiziert sein, soll aktiv die Wahrheit enthüllen, indem er zum Arzt geht - er soll sich nicht hinter irgendeinem "Schicksal" verstecken und sich einreden: "Es kommt eben, wie es kommen muß." oder "Man muß sich dem Lauf der Dinge überlassen." Aber wenn er seine Freiheit annimmt und seine Krankheit verifiziert hat, steht er natürlich erst recht vor dem Schicksal. Erst jetzt, wenn der Mensch alle Handlungsmöglichkeiten in Freiheit ausgeschöpft hat, wenn die Verifizierung bis ins Letzte durchlaufen ist, kommt Nietzsches Amor fati ins Spiel. Mit seinem Ideal der Wahrhaftigkeit stand Nietzsche nicht auf der Seite des Ignoranten, sondern auf der Seite Sartres.

A: Gut. Ich glaube, die Unaufrichtigkeit liegt auch noch darin, daß der Kranke seinen Zustand nicht wirklich ignorieren kann. Er müßte dann ja letztlich noch die Ignoranz selbst ignorieren, und das wird ihm kaum gelingen.

B: Richtig, auf einer gewissen Bewußtseinsebene weiß der Ignorierende immer, daß und was er ignoriert. Denn der grundlegende Entwurf des Bewußtseins ist und bleibt die Wahrheit.

Sartre: Das Bewußtsein ist in der Situation, einen Zweck frei zu wählen, den es nicht nicht wählen kann. Und doch gehört dieses nicht nicht wählen können nicht zur mathematischen, kausalen oder dialektischen Notwendigkeit, sondern zur Kontingenz seines Seins. Es ist die Wahl, zu offenbaren, und zwar in der Form von "es zu sein zu haben". Der Wille zu ignorieren ist folglich (vergebliches) Auflehnen gegen eine conditio, die weder aufgezwungen noch thematisch gewollt wird und die gleichwohl Wahl ist und Verantwortung nach sich zieht. Hier lehnt sich das Bewußtsein gegen sich selbst auf wie die Heiligen gegen Gott: warum muß ich aufdecken, was mir Schrecken einflößt usw. Doch sogar bis in dieses Auflehnen dringt die Wahrheit als grundlegender Entwurf ein.

A: Das scheint mir nun doch über das früher gesagte hinauszugehen. Was bedeutet es, daß die Wahrheit conditio des Bewußtseins sein soll?

B: Du erinnerst dich an "Das Sein und das Nichts", wo Sartre darlegt, daß das An-sich Bedingung des Für-sich ist?

A: Ja, das Für-sich spiegelt sich im An-sich.

B: Das bedeutet: Das Bewußtsein wird nur durch die Enthüllung des An-sich zu Bewußtsein. Jeder Entwurf ist angewiesen auf eine Enthüllung des An-sich, und die Enthüllung ist deshalb das Mittel des Bewußtseins, zu existieren. Das Bewußtsein enthüllt Wahrheit, um zu existieren. Der Wille zu ignorieren ist deshalb eine Wendung des Bewußtseins gegen sich selbst.

A: In dem Beispiel handelt es sich jedoch um eine Situation, in dem die Existenz des Bewußtseins schon auf andere Weise bedroht ist, nämlich durch den Tod, der am Ende der Aids-Erkrankung stehen wird. Ist es hier nicht doch legitim, diese Wahrheit zu ignorieren? Wenn die Enthüllung ein Mittel der Existenz des Bewußtseins ist, was nützt ihm die Enthüllung seines drohenden Todes?

B: Es geht um die Freiheit. Für Sartre bedeutet Freiheit, Verantwortung zu übernehmen für das Sein, das heißt für etwas, das man weder verursacht noch gewollt hat. Das Sein bedroht den Menschen ständig. Er muß unablässig auf die Welt einwirken, um nicht zu sterben, und jederzeit kann ein Zufall ihn töten. Irgendwann wird dies auch geschehen - der letzte Versuch, dem Tod zu entgehen, muß scheitern. Dennoch bemüht sich der Mensch immer mit allen Kräften, die tödliche Bedrohung abzuwenden. Um wirksam handeln zu können, muß er jedoch zunächst die Wahrheit enthüllen, also auch die Wahrheit über den drohenden Tod.

A: Also ist die Enthüllung der HIV-Infektion gleichbedeutend mit dem Entwurf, diese Krankheit zu besiegen, indem man sich der medizinischen Forschung anvertraut. Die Chance ist vielleicht nicht groß, aber es gibt sie, allerdings nur dann, wenn man die Wahrheit nicht ignoriert.

B: Ja, die Furcht vor dem An-sich lähmt uns und führt zur Ignoranz. Handeln können wir nur, wenn wir diese Furcht überwinden. Hätten die Menschen dies nicht in ihrer Geschichte immer wieder getan, dann gäbe es jetzt noch viel mehr tödliche Krankheiten und andere Bedrohungen. Aber außer der Furcht vor dem An-sich kann die Ignoranz auch noch einen anderen Grund haben, nämlich die Furcht vor dem Für-sich, vor der eigenen Freiheit. Und da, wie Sartre sagt, Freiheit die Notwendigkeit zu arbeiten ist, wird jede Wahrheit, die ich enthülle, nicht nur zu einer Wahrheit über das Sein, sondern auch zu einer Wahrheit über mich selbst, denn das Sein konstituiert sich für mich als Mittel für den von mir gewählten Zweck.

A: Wie war das? Freiheit ist die Notwendigkeit zu arbeiten?

B: Natürlich. Was wäre momentan dein größter Wunsch?

A: Mein größter Wunsch? Rein fiktiv? Hm - nach Indien zu reisen!

B: Und hast du die Freiheit, das sofort oder zumindest morgen früh zu tun?

A: Nein, leider habe ich nicht genug Geld, denn dafür reicht die Sozialhilfe wirklich nicht.

B: Es ist also zunächst notwendig, zu arbeiten und genug Geld zu verdienen, dann steht deiner Reise nichts mehr im Wege. Sie ist nicht generell und für immer unmöglich - deine Freiheit besteht darin, dir die Indien-Reise als vorrangiges Ziel zu setzen und dann die notwendigen Mittel zur ihrer Verwirklichung zu ergreifen. Deshalb ist Freiheit die Notwendigkeit zu arbeiten.

A: Ja, wenn ich arbeiten könnte! Ich bekomme ja keine Arbeit, das ist es doch gerade!

B: Womit wir bei der Notwendigkeit des politischen Engagements angekommen sind, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Man kann es aber auch auf einer allgemeineren Ebene betrachten, wo mit Arbeit nicht nur die in unserer Gesellschaft übliche Lohnarbeit gemeint ist: Wenn du wirklich unbedingt nach Indien willst, könntest du dir auch selbst ein Boot bauen und damit hinübersegeln ...

A: Gar keine schlechte Idee ...

B: Und bei der Arbeit enthüllst du dann Wahrheiten über das Holz, das Werkzeug und so weiter, also über das An-sich, zugleich besteht aber auch Klarheit über dein Ziel, das du dir gesetzt hast. Über die Wahrheit kommt deine Freiheit zu dir zurück in Form einer Forderung, die von der Welt an dich gerichtet wird. Der Zweck, den du anstrebst, wird durch die Mittel verändert - du kannst nie den reinen Zweck wählen, sondern immer nur den Zweck und zugleich die Mittel. Diesen Zusammenhang zu leugnen ist eine andere Form der Ignoranz. Es ist eine Mystifizierung des Begehrens, die den reinen Genuß ohne das nötige Handeln will. Der Genießer will das Steak und verleugnet die Schlachthöfe. Der Börsenspekulant genießt seinen Urlaub in der Karibik und leugnet, daß Freiheit die Notwendigkeit zu arbeiten ist. Er weiß selbst nicht genau, woher sein ganzes Geld kommt, aber irgendjemand muß dafür gearbeitet haben, daß er in die Karibik reisen konnte. Indem er das ignoriert, weigert er sich, frei zu sein, das heißt er weigert sich, Verantwortung zu übernehmen. Aber genauso wie der Fleischesser für die Vorgänge in den Schlachthöfen Verantwortung trägt, ist der Spekulant verantwortlich für die Lage der Menschen, die jene Werte erarbeitet haben, die er jetzt in der Karibik verjubelt.

Sartre: Das Sein ignorieren heißt, die Freiheit sein wollen, die genießt, und zwar auf Kosten der Freiheit, die handelt. Der zugrundeliegende Gedanke: die Mittel entehren den Zweck. Weil aber die Freiheit die Unmöglichkeit ist, daß je dem Menschen etwas gegeben sei, weil die Freiheit die Notwendigkeit zu arbeiten ist, kommt die Verweigerung der Welt der Mittel der Ablehnung der Freiheit gleich. Der Wille, zu ignorieren, ist mithin die Weigerung, frei zu sein.

A: Wenn ich also mit meinem Boot in Indien ankomme und den Börsenspekulanten dort am Strand liegen sehe, dann bin ich frei, weil ich gehandelt habe, und er lehnt seine Freiheit ab, weil er nur genießen will?

B: So ist es. Mit dem Unterschied, daß du den Spekulanten dort nicht treffen wirst. Er ist in der Karibik, nicht in Indien, und zwar aus gutem Grund: Er will mit dem indischen Elend nicht konfrontiert werden. Das ist die dritte Art der Ignoranz.

A: Die erste war die Furcht vor der Wahrheit des An-sich, die zweite die Furcht vor der Freiheit, also dem Für-sich - und wovor fürchtet man sich bei der dritten Art?

B: Vor dem Kontakt des An-sich mit dem Für-sich, der Berührung von Sein und Freiheit. Stellen wir uns jemanden vor, der wie du seine Freiheit bejaht und eifrig an einem Boot baut, der aber auf keinen Fall nach Indien oder in ein anderes Land der Dritten Welt fahren will, weil er, wie er sagt, das Elend dort nicht ertragen könne. Dennoch leugnet er dieses Elend keineswegs, er verfolgt regelmäßig die aktuellen Nachrichten und ist gut über alle Katastrophen auf der Welt informiert. So trifft weder die erste noch die zweite Form der Ignoranz für ihn zu.

A: Aber was ignoriert er denn, wenn er weder das Sein noch die Freiheit ignoriert?

B: Er ignoriert, daß die Wahrheit erst durch den Menschen zum Sein kommt. Seine eigene Freiheit müßte die Wahrheit konstituieren, aber stattdessen überläßt er sie irgendwelchen Nachrichtensprechern, und damit zerstört er die Beziehung zwischen Wahrheit und Freiheit. Er räumt ein, daß es Wahrheit gibt, lehnt aber jegliche Verantwortung dafür ab.

A: Wäre es denn nicht arg übertrieben, ihn für das Elend in Indien verantwortlich machen zu wollen?

B: Er ist aber verantwortlich für sich, und jeder definiert sich durch die Wahrheit, die er enthüllt: Das enthüllte Sein färbt auf ihn ab.

Sartre: Jeder Kontakt ist Promiskuität: das enthüllte Sein färbt ab auf das enthüllende Sein. Wenn ich das Sein gesehen habe, werde ich von den Zuständen des Seins magisch erfüllt. Das hervorbringend, was ist, bin ich das, was ich hervorbringe.

B: Wer das Elend in der Dritten Welt wirklich sieht, wird dadurch existentiell verändert, wird vielleicht zu einer Kassandra, die für ihre Unglücksbotschaft verantwortlich gemacht wird. Deshalb will er das Sehen durch abstrakte Kenntnisse ersetzen, und so erzeugt die Ignoranz abstrakte Wahrheiten, die Aussagen über das Sein sind ohne Kontakt mit dem Sein.

A: Okay, aber man kann doch beim besten Willen nicht alles auf der Welt sehen. Es kann doch niemandem vorgeworfen werden, daß er etwas nicht gesehen hat, da wir doch schon vorhin gesagt hatten: Es ist unmöglich, andauernd alles zu verifizieren.

B: Natürlich wird es niemandem vorgeworfen, etwas nicht gesehen zu haben. Wie schon gesagt, ist das Nichtwissen der Ausgangspunkt und der Beginn der Wahrheit. Deshalb gibt es neben diesen genannten Formen der Ignoranz eine notwendige Ignoranz, die immer den Hintergrund des Wissens bildet. Indem du wählst, etwas bestimmtes zu sehen, wählst du gleichzeitig, etwas anderes nicht zu sehen: Wenn du nach Indien fährst, kannst du nicht nach Afrika fahren, jedenfalls nicht zur gleichen Zeit. Niemand wird dir vorwerfen, Afrika nicht gesehen zu haben, nur trägst du die volle Verantwortung dafür, da du dich in deiner freien Wahl für Indien entschieden hast. Und die Grundlage der Freiheit ist die Endlichkeit.

A: Was hat denn jetzt die Endlichkeit damit zu tun?

B: Du kannst nach Indien reisen, du kannst im nächsten Jahr nach Afrika reisen, und später noch in andere Teile der Welt - aber du wirst nicht ewig neue Pläne machen können, weil du nicht unsterblich bist. Andernfalls wäre es ganz gleichgültig, wo du momentan hinfährst, weil du ja danach noch die ganze Ewigkeit hättest, um dir alles andere anzusehen. Aber nein: Wenn du einmal stirbst, wird es sehr viel geben, das du noch nicht gesehen hast, und es war deine Freiheit, die anderes vorgezogen hatte.

A: Gut, jetzt aber mal Spaß beiseite: Ich werde mir natürlich kein Boot bauen, weil der Aufwand viel zu groß wäre und mir überhaupt die Mittel dafür nicht zur Verfügung stehen. Ist es nicht deshalb eigentlich Unsinn, hier von 'Freiheit' zu reden? Ich bin doch vollkommen von den Mitteln abhängig.

B: Aber nur insofern, wie wir schon gesagt hatten, daß der Zweck durch die Mittel verändert wird, wodurch er dir natürlich auch als zu aufwendig erscheinen kann. Sartre setzt sich hier sowohl vom Materialismus als auch vom Idealismus ab: Der Materialist sagt, das Mittel determiniere den Zweck. Der Idealist sagt, die Schönheit des Zwecks mache die Existenz des Mittels erforderlich. Aber Sartre sagt ...

Sartre: ... daß der Zweck sich außerhalb der Gelegenheit setzt und verfolgt, was immer der Ausgang sein mag und vorausgesetzt, daß die Situation nicht als mit Sicherheit ungünstig erscheint. Im Grenzfall kann die Freiheit übrigens wählen, durch die Wahl ihres eigenen Zwecks zerstört zu werden, weil ihr Scheitern sie als von der Ordnung der Welt verschiedene Ordnung erweist.

A: Was heißt das? Soll ich mir ein brüchiges Floß zusammenbasteln und damit auf dem Ozean scheitern, nur um der Welt zu zeigen, daß sie mir die Reise nach Indien verwehrt?

B: Wenn es dir sinnvoll erscheint ... Das wäre dann Authentizität, die ahistorisch geworden ist - womit wir den Kreis zu unserem Ausgangspunkt schließen. Sinnvoller wäre es natürlich, sich in der Geschichte zu entwerfen.

A: Du meinst das politische Engagement zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, das wir vorhin schon erwähnt hatten. Aber hat das wirklich einen Sinn - wenn ich mir ansehe, wie die Politiker und Ökonomen hier alle versagen ...

B: ... dann enthüllst die dieses Versagen als Wahrheit.

A: Ich verstehe. Ich soll der Welt mitteilen: Seht her, alle bisherigen Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit sind gescheitert, es ist reine Heuchelei, immer so weiterzumachen, es müssen ganz neue Wege eingeschlagen werden. Aber was für Wege? Wenn ich das doch selber nicht weiß?

B: Dann triff dich mit anderen Arbeitslosen, sammle Informationen, entwirf Modelle, antizipiere, verifiziere. Und wenn ihr am Ende dennoch scheitern solltet, wäre das Scheitern diesmal ein historisches Signal, und das würde ihm Sinn geben.

A: Aber wer weiß, was sich daraus entwickeln wird? Man kennt das doch aus der Geschichte: Die politischen Ideale gewinnen plötzlich ihre eigene Dynamik, richten das größte Unheil an, und ich bin dafür verantwortlich.

B: Nein, bist du nicht. Denn wenn du "dich vergeschichtlichst", wie Sartre sagt, entwirfst du kein Modell für die Ewigkeit, sondern du suchst dir nur konkrete Ziele in deiner Epoche. Was deine Enkel dann daraus machen, liegt allein in ihrer Verantwortung.

Sartre: Indem ich nicht beanspruche, mit meinen Enkeln zu leben, hindere ich sie daran, mich nach ihren Maßstäben zu beurteilen. Indem ich ihnen meine Handlung als Vorschlag übergebe, damit sie daraus machen, was sie wollen, entgehe ich dem Risiko, daß sie etwas anderes daraus machen als das, was ich wollte.

A: Gut, also was soll ich jetzt tun? Ich muß selbst mein Ziel in der Epoche wählen? Modelle entwerfen? Verifizieren? - Okay, laß mich erst einmal in Ruhe darüber nachdenken. Vielleicht kannst du mir dieses Buch leihen - wie heißt es noch?

B: "Wahrheit und Existenz", von Jean-Paul Sartre.
 
 

(Copyright Klaus Mendler 1996)