Der Mensch in der Welt der Sprache
Kommen wir nun zu den sozialen Gründen, die bewirken, daß
ich nicht die Pizza raube. Für Maturana
ist auch die Einbindung des Menschen in ein soziales System, die ,,strukturelle
Koppelung dritter Ordnung", wie er schreibt (Baum der Erkenntnis 196),
ein durch und durch biologisches Phänomen. Der Mensch kann
schon deshalb nicht solipsistisch verstanden werden, weil sein biologisches
Fundament nicht nur von seinem individuellen Stoffwechsel gebildet wird,
sondern auch von seiner Koppelung an ein soziales System. Diese
strukturelle Koppelung besteht darin, ,,daß die beteiligten Organismen
im wesentlichen ihre individuellen Ontogenesen als Teil eines Netzwerkes
von Ko-Ontogenesen verwirklichen, das sie bei der Bildung von Einheiten
dritter Ordnung hervorbringen." (Baum der Erkenntnis 209). Die Ontogenese
eines einzelnen Menschen kann also nicht isoliert von seinen Mitmenschen
gesehen werden. Er steht mit den übrigen Mitgliedern des sozialen
Systems in reziproker Koordination - diese Verknüpfung ist die Kommunikation.
Wie ich bereits oben bemerkt habe, leugnet Maturana die Möglichkeit
der ,,Mitteilung" von ,,Information". Stattdessen definiert er Kommunikation
als ,,das gegenseitige Auslösen von koordinierten Verhaltensweisen
unter den Mitgliedern einer sozialen Einheit" (Baum der Erkenntnis 210).
Diese gegenseitige Koordination vollzieht sich beim Menschen über
die Sprache. Durch sie unterscheidet sich der Mensch von allen anderen
Tierarten. Er lebt in einer eigenen Welt, dem Reich der Sprache, das von
ihm selbst geschaffen worden ist, jedoch nicht von dem einzelnen Menschen,
sondern vom sozialen System. Das Reich der Sprache ist entstanden aus der
Stabilisierung ontogenetisch erworbener Kommunikationsmuster über
viele Generationen hinweg.
Das Grundmerkmal der Sprache ist nach Maturana, daß sie dem Menschen
mit Hilfe ,,sprachlicher Unterscheidungen von sprachlichen Unterscheidungen"
(Baum der Erkenntnis 227) die Beschreibung seiner selbst (was allerdings
noch relativiert wird) und der Umstände seiner Existenz ermöglicht.
Demnach entsteht mit der Sprache der ,,Beobachter". Spätestens hier
muß dieser zentrale maturanasche Terminus eingeführt werden,
den ich bislang ausgeklammert hatte. Der Satz ,,alles, was gesagt wird,
wird von einem ,Beobachter' gesagt" (Gespräch mit Humberto R. Maturana,
in: Zur Biologie der Kognition, hg. v. V. Riegas & C. Vetter, S.58)
ist eine fundamentale These Maturanas. Demnach gibt es keine Wahrheiten,
die vom Menschen unabhängig wären - es wäre also absurd,
(um ein beliebtes Beispiel früherer Erkenntnistheoretiker aufzugreifen)
zu behaupten, auch vor Newton hätte es das Gravitationsgesetz gegeben,
es hätte nur im Verborgenen geruht, unerkannt von den Menschen. Für
Maturana ergibt diese Behauptung keinen Sinn, denn das Gravitationsgesetz
als explizite ,,Wahrheit" erfordert einen ,,Beobachter", der es formuliert.
Es gilt jedoch immer zu bedenken, daß die Sprache keine Erfindung
des Beobachters ist, sondern der sozialen Gemeinschaft, deren Fundament
sie bildet. Ähnlich wie bei sozialen Insekten ein ständiger Austausch
chemischer Stoffe (Tropholaxis) geschieht, der die Rollenverteilung festlegt,
beruhen in der menschlichen Gesellschaft alle sozialen Prozesse auf sprachlichem
Austausch. Zu diesem Zwecke entstand in und mit der Sprache der Begriff
des Ich, als die grundlegende sprachliche Unterscheidung zwischen den
einzelnen ,,Beobachtern". Dies ist natürlich auch ein weiteres Argument
gegen den Solipsismus: ,,Ich" kann nicht die Realität der ,,Außenwelt"
leugnen und stattdessen postulieren, daß es nur ,,mich" gibt, wenn
,,ich" davon ausgehen muß, daß eben jenes ,,Ich" eine sprachliche
Unterscheidung innerhalb des ,,äußeren" Kommunikationssystems
ist.
Obwohl das bewußte Leben des Menschen sich vollkommen in der
sprachlichen Welt abspielt, ist die Gehirntätigkeit nur zu einem verschwindend
geringen Teil von Sprache berührt. (Man sollte sich bei der
Frage nach explizitem und implizitem Wissen immer die eindrucksvollen Zahlen
vor Augen halten: In einer Sekunde liefern die Sinnesorgane dem Menschen
mehr als 11 Millionen bit Informationen, das explizite Bewußtsein
kann jedoch nicht mehr als 40 bit / Sek. verarbeiten! Wollte man diese
Relation graphisch darstellen, z. B. in einem Säulendiagramm, so wäre,
wenn man das explizite Bewußtsein nur einen Millimeter dick zeichnete,
die Säule für die gesamte Gehirntätigkeit immer noch 275
Meter hoch. Das explizite Wissen ist demnach noch nicht einmal die Spitze
eines Eisberges.) Ausschließlich die linke Gehirnhälfte
ist überhaupt fähig, Sprache zu verarbeiten. Vor einiger Zeit
versuchte man, Epilepsie dadurch zu lindern, daß man bei den Patienten
die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften, den Corpus callosum,
durchtrennte. Bei diesen Menschen sind nun höchst aufschlußreiche
Phänomene zu beobachten (vgl. Baum der Erkenntnis 246ff.). Es
sind Tests durchgeführt worden, bei denen man es sich zunutze machte,
daß bei der optischen Wahrnehmung des Menschen der linke Teil des
Gesichtsfeldes von der rechten Hirnhälfte und der rechte Teil des
Gesichtsfeldes von der linken Hirnhälfte verarbeitet wird. Man konnte
daher einen Apparat konstruieren, mit dem man über optische Signale
gezielt nur eine Gehirnhälfte der Testperson ansprach. Ich will hier
nur ein Testergebnis anführen: Bei der Testperson Paul (die zu dem
kleinen Prozentsatz von Menschen zählt, die über beide Gehirnhälften
Sprache verarbeiten können) gab man der rechten Gehirnhälfte
die schriftliche Anweisung: ,,Lache!". Tatsächlich lachte Paul.
Als dann an die linke Gehirnhälfte die Frage gestellt wurde ,,Warum
lachst du?", antwortete Paul: ,,Weil Sie so komische Typen sind." Daraus
wird deutlich, daß einerseits die Anweisung an die rechte Gehirnhälfte
Paul nicht explizit bewußt geworden ist, obwohl er mit seinem Handeln
darauf reagiert hat - und daß Paul andererseits, wenn er explizit
nach dem Grund für ein Handeln gefragt wird, darauf spontan eine Antwort
parat hat, die zwar mehr oder weniger schlüssig klingt, aber nichts
mit der ,,Realität" (das heißt, der Anweisung an die rechte
Gehirnhälfte) zu tun hat. Pointiert ausgedrückt könnte man
sagen: Wenn das Bewußtsein nicht weiß, was implizit in ihm
vorgeht, formuliert es explizit eine ,,Lüge" - es erfindet eine naheliegende
Erklärung, die das Nichtwissen verdeckt.
Sehr wichtig ist die Feststellung, daß man bei den wenigen Menschen,
die über beide Gehirnhälften Sprache verstehen können,
tatsächlich von zwei verschiedenen ,,Personen" reden kann, die auf
Fragen, z. B. nach Berufswünschen, ganz unterschiedliche Antworten
geben. Bei den meisten Menschen tritt eine solche ,,doppelte Persönlichkeit"
nicht auf, weil nur die linke Gehirnhälfte sich explizit melden kann,
jegliche Tätigkeit der rechten Hemisphäre hingegen implizit bleibt.
Das bedeutet, daß es ohne die Sprache kein Selbstbewußtsein
gibt - das ,,Ich" ist ein rein sprachliches Ausdrucksmittel der Selbstbezüglichkeit.
,,Selbstbewußtsein, Bewußtheit, Geist - das sind Phänomene,
die in der Sprache stattfinden. Deshalb finden sie als solche nur im sozialen
Bereich statt." (Baum der Erkenntnis 249)
Damit haben wir eine Antwort auf die Frage nach dem Ich gefunden: Es
ist eine Art user illusion. ,,Das Bewußtsein ist unsere Benutzerillusion
von uns selbst und der Welt.", schreibt Tor Nørretranders (Spüre
die Welt. Die Wissenschaft des Bewußtseins, S.417). ,,Die Benutzerillusion
ist unsere Karte von uns selbst und unseren Möglichkeiten, auf die
Welt einzuwirken." Die eigentliche kognitive Tätigkeit des Menschen
findet implizit statt, nur ein verschwindend geringer Teil davon wird explizit
- zum Zwecke der Kommunikation. Dabei ist beim expliziten Wissen auch noch
große Vorsicht angebracht, denn das Bewußtsein ,,lügt"
bei der Explikation hemmungslos, wie die Experimente mit den split-brain-Patienten
gezeigt haben. Das Ich ist die vereinfachte Oberfläche des Menschen,
die ihm das Alltagsleben erleichtert. Auch der Computer, an dem ich gerade
sitze, bietet mir eine Illusion: Der Monitor zeigt mir den Textabschnitt,
an dem ich gerade schreibe, ein Lineal, allerlei bunte Icons und einen
Maus-Pfeil. Wenn ich mit der Maus bestimmte Monitor-Regionen anklicke,
geschehen die merkwürdigsten Dinge: Schriftarten ändern sich,
Fußnoten werden erstellt, und ähnliches. Aber streng genommen
ist nichts davon ,,real" - die Wirklichkeit besteht aus Prozessoren, Drähten
und anderem elektronischem Gerät, in dem mysteriöse Algorithmen
weben. Auf dieser ,,realen" Ebene könnte ich jedoch keinen Text schreiben.
Die vereinfachte Benutzeroberfläche erspart mir das Hantieren mit
Algorithmen, und auf vergleichbare Weise erspart mir das ,,Ich" im Alltagsleben
den Umgang mit einer Mannigfaltigkeit von neuronalen Aktivitätsmustern
oder mentalen Symbolen.
Demnach müßte aber im Prinzip auch ein Leben ohne Ich möglich
sein. Dies wird bestätigt durch Theorien
der historischen Forschung, wonach das Ich in der uns bekannten Form
sich erst in der Neuzeit entwickelt hat. Bei den Griechen stellte sich
dieser Komplex des Selbstbewußtseins noch ganz anders dar, und es
für uns schwierig, diese andersartige innere Welt erfassen zu können.
Die Effekte sind aber letztlich die gleichen: Ein Gedanke, also ein neuronales
Aktivitätsmuster, meldet sich und löst eine Handlung aus. Unterschiedlich
ist nur die Benutzerillusion, mit deren Hilfe sich die Zusammenarbeit zwischen
Geist und Körper vollzieht.