Aus einem Privatarchiv wurde uns ein antiker Papyrus mit einem erstaunlichen Text überlassen:

Die Abitur-Abschlußrede von Jochen Wengenroth


 

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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Abiturienten


Die Zeit, die wir am AGH verbracht haben, und die es
nun zu bewerten gilt, war durch mehrere Faktoren bestimmt.
Da ist zunächst das Gebäude: Schon altersschwach,
der Putz fällt von den Wänden und durch die Fenster zieht
es, mit technischen Hilfsmitteln nur mäßig bestückt, die
Beleuchtung der Bühne ist zum Theaterspielen völlig unzu-
reichend, und klein: Die Jahrgangsstufe 12 muß in Pavillons
der Grundschule ausweichen. Doch die geringe Größe begrenzt
die Schülerzahl, sodaß die Anonymität einer Riesenschule
nicht aufkommt.
Doch diese Bedingungen sind gegeben und lassen sieh nur
mit viel Geld ändern, das nicht zur Verfügung steht.
Kommen wir deshalb zu den belebten Faktoren, die man wohl
billiger ändern könnte, wenn sie sich nur ändern wollten.

Zum einen sind da die Eltern: Sie stehen etwas außer-
halb; inwieweit sie Einblicke in das Schulgeschehen bekom-
men hängt von den Informationen ihrer Kinder ab.
Einige der Eltern sehen sich, einmal jährlich bei Elternver-
sammlungen, sechs von ihnen vier mal im Jahr
zur Schulkonferenz und nehmen dort auf die alltäglichen
Schulabläufe Einfluß.
Doch die große Masse, immerhin etwa 1000, hält sich zu-
rück. Sie beeinflussen die Schule nur indirekt durch ihr
Verhalten gegenüber den Kindern.
Häufig haben sie zu wenig Kontakt zu den Lehrern und stellen
Erwartungen, die die Schüler gar nicht erfüllen können.
Was sollten die Eltern anders machen?
Sie müßten die Schule besser kennenlernen, sich aktiver
am Ablauf beteiligen und dadurch ein besseres Verhältnis zu
den eigenen Kindern bekommen.
Ein weiterer Faktor sind die Lehrer. Sie leisten einen
wichtigen Beitrag zur Erziehung der Schüler.
"Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen
und Bereitschat zum sozialen Handeln zu wecken, ist vor-
nehmstes Ziel der Erziehung.
Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlich-
keit, der Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung
des anderen, in Liebe zu Volk und Heimat, zur Völkerge-
meinschaft und Friedensgesinnung."

 

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( Artikel 7, Absatz 1 und 2 aus der Verfassung fÜr das
Land Nordrhein-Westfalen)
Eine gewaltige Aufgabe!
Ohne von vornherein zu kapitulieren, ziehen sich doch
sehr viele Lehrer erst einmal auf die Vermittlung von
Wissen zurück. Nicht zu Unrecht, denn bevor man die Würde
und Überzeugung des anderen achten kann, muß man sie zu-
nächst kennenlernen.
Doch in den meisten Fällen erschöpft sich der Untericht
in dieser Wissensvermittlung.
Auch ist zweifelhaft, ob der kleine Ausschnitt aus dem
Wissen, den die Schule vermitteln kann, richtig gewählt
ist. Man kommt z.B. in der Oberstufe mit zwei Grudkursen
Geschichte aus, in denen man die Zeit von der Französischen
Revolution bis zum Zweiten Ersten Weltkrieg behandelt.
Auch in Klasse 10 ist zumindest mein Geschichtsunterricht
bei Bismark stehengeblieben. Es passiert also, daß man
in 13 Jahren nicht über den Zweiten Weltkrieg spricht.
Wie kann es so zu Völkergemeinschaft und "Friedensgesinnung"
kommen?
Dafür kann man dann be- und unbestimmte Integrale berech-
nen und Vektoren skalar und kreuzweise multiplizieren.

Doch zurück zu den Lehrern. Es liegt nicht nur am
Kurssystem, sondern auch an den Erziehern.
Gerade in der Oberstufe vernachlässigen viele ihre pä-
dagogische Aufgabe, werden bequem, sodaß noch nicht ein-
mal der Unterricht so ist, wie er sein sollte und könnte.
So kann es passieren, daß Lehrer - einmal Beamte -
jahrzehntelang herumwurschteln, ohne daß irgendjemand
versucht, das zu ändern.
Nicht daß niemand etwas wüßte; die Qualitäten eines Leh-
rers sind Kollegium, Schülern und Eltern bekannt, nur
bis auf die Schüler hat niemand ein ernsthaftes Anlie-
gen, die schwarzen Schafe an den Pranger zu stellen,die
Lehrer wollen bloß keinen Ärger und den Eltern fehlt der
Einblick, um richtig bewerten zu können.
Die Schüler allein können nichts ändern. Sie können den
betreffenden Lehrer zwar psychisch unter Druck setzen,
aber eine Verbesserung erzwingen können sie nicht.
Man müßte eine sehr viel weitergehende Kontrolle einfüh-
ren.

 

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Z.B., unangekündigte Unterrichtsbesuche durch Direktor
Kollegen und Eltern, was aber nicht zu einer ständig
spannungsgeladenen Atmosphäre führen soll.
Es geht nicht darum, Lehrer anzugreifen und sie unter
Druck zu setzen, sondern das bestmögliche für die Schü-
ler zu erreichen. Lehrer, die einen guten Unterricht
leiten, müßten sowieso nichts befürchten; andere würden
sich wohl genötigt sehen, ihre Methoden zu verbessern.
Eine zusätzliche Motivation für die Lehrer wäre die Auf-
hebung der Unkündbarkeit, denn die Versuchung, diesen
Status als Ruhepolster auszunutzen, ist für einige wahr-
scheinlich zu groß.
Es ist nun aber nicht so, daß alle Lehrer ihren Beruf
nicht ernst genug nähmen. Die rühmlichste Ausnahme an
unserer Schule ist Herr Selka. Er ist mit Leib und Seele
Lehrer, sein Unterricht ist interessant und er hat ein
ungezwungenes Verhältnis zu den Schülern.
Ganz in seinem Sinne ist auch die nachfolgende Kritik
an der differenzierten Oberstufe. Man kann Fächer, die
unbequem sind, abwählen (z.B. Deutsch, Mathe, Geschichte)
und bekommt große Lücken in der Allgemeinbildung.
Eines der besten Abiturzeugnisse in diesem Jahr erhielt
ein Schüler, der im letzten Jahr weder eine Fremdsprache
noch Deutschunterricht hatte.
Die Schüler werden - soweit sie nicht selbst weitsichtig
genug sind - schon in der Schule zu Fachidioten erzogen.
Man verlernt, sich durchzubeißen und auch unangenehme
Dinge zu bewältigen.
In diesem Sinn bin ich für die Rückkehr zum alten Abitur.
Daß ich mit dieser Meinung nicht alleine dastehe zeigt
die Tatsache, daß die Prüfungsbedingungen wieder ver-
schärft werden: In Zukunft kann man Mathematik nicht
mehr ohne weiteres abwählen, die Möglichkeit, das Abitur
durch eine Nachprüfung zu retten, soll - auch wenn sich
Nordrhein-Westfalen dagegen wehrt - wegfallen.

Doch nun zu uns Schülern, den wichtigsten Faktor, denn
wir sind es, um die es geht.
Etwa 60 % der Oberstufenschüler wollen später studieren.
Deshalb müßten sie eigentlich intrensisch motiviert sein,
d.h. Eigeninitiative entwickeln.

 

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Doch die meisten verharren in einer Konsumentenhaltung,
wie das folgende Zitat eines Schülers zeigt: "Das ein-
zige, das mich an der Schule intrensisch motiviert, ist
die Rauchergalerie."
Das Unterrichtsverhalten war entweder durch bloßes re-
agieren auf den Lehrer oder gar totale Apathie gekenn-
zeichnet. Gründe dafür sind Bequemlichkeit, Angst und
auch Dummheit.
Doch auch da, wo agieren gefragt war - z.B. in der Schü-
lervertretung - beschränkte sich die Mitarbeit oft auf
destruktive Kritik. Oder in den Komitees, die die Abi-
feiern vorbereiteten: Am Anfang meldeten sich pro Aus-
schuß ca. 20 Leute; am Schluß blieben vier bis fünf
übrig, die dann die ganze Arbeit leisteten.
Neben der Faulheit ist die Scheu vor der Verantwortung
eine Ursache für diesen Mangel an Initiative.
Hier liegt ein weitgehendes Versagen der Schule als Er-
ziehungsanstalt vor. Abgesehen vom Klassenbuchführen und
Tafeldienst braucht der Schüler lange Jahre hindurch
keine Verantwortung zu übernehmen, sondern er wird in die
schon erwähnte Konsumentenhaltung geradezu gedrängt.
Nach 13 Jahren Schule -weiß-er wird er dann in die Ver-
antwortung entlassen. Er weiß dann zwar, wie man fliegt,
hat es aber fast nie üben können.
Bis auf Abgesehen von dieser schlaffen Haltung war das
Verhältnis unter den Schülern meistens recht gut.
Ich habe fast nie erlebt, daß der Kampf um Punkte und
Pünktchen auf Kosten anderer ging. Im Gegenteil: Bei Leh-
rern, die mit sich reden ließen, setzten sich viele für
ihre Mitschüler ein, um für sie eine Verbesserung heraus-
zuholen.
Natürlich kann nicht jeder mit jedem; doch in den meisten
Fällen hat man einander akzeptiert oder zumindest tole-
riert, viele lernten sich besonders im letzten Jahr besser
kennen und schätzen.
Unter anderem diese Tatsache machte die Schulzeit zu einer
schönen Zeit; diese Aussage soll die vorangegangene Kri-
tik jedoch keinesfalls abschwächen.
Bevor ich zum Schluß komme möchte ich mich noch bei Maike
Buchholz bedanken, die mir bei der Erarbeitung dieser Rede
sehr geholfen hat.


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Ich hoffe, daß ich einige Anregungen geben konnte; nicht
nur für die Zurückbleibenden, sondern auch für uns, die
wir bei unseren neuen Aufgaben hoffentlich aktiver
und verantwortungsvoller handeln werden.