Ein weiterer Fund aus dem Redaktionskeller:
Die beliebte literarische Form des Kurzdramas aus Original-Lehrerzitaten
wurde hier in einer anderen Variante erprobt.
Morgens im Lehrerzimmer. Herr Höller kämpft mit einem schweren Gewissensproblem.
Höller: Warum bleibe ich in der Kirche? Warum
bleibe ich in der Kirche ...
Barnitzke (neugierig lauschend): Etwas lauter,
bitte!
Höller: Warum bleibe ich in der Kirche?!!
Leonhardt: Ich hab' keine Ahnung.
Florian: Ich meine, das ist schon verflixt wichtig!
Selka: Jaja, hin und wieder
Bürger: Aber warum eigentlich?
Höller (zu Frau Bürger): Warum bleiben
Sie in der Kirche?
Bürger: Is mit völlig wurscht!
Selka: 'ne klarere Antwort können Sie gar
nicht haben
Störmann: Ingrid, is noch nicht genug erklärt,
glaub ich.
Bürger: Der fragt und fragt und fragt und
fragt ...
Störmann: Nix kapito?
Höller: So, jetzt in Worten, bitte!
Bürger: Ja, ja, ja, nee, ich, äh ...
Helfenbein: Ist doch sehr schön formuliert,
finden Sie nicht?
Fischer 2: Das ist im Deutschen nicht gebräuchlich!
Helfenbein: Das war alles deutsch!
Selka: Da faßt man sich an die Platte!
Helfenbein: Womit haben Sie jetzt Schwierigkeiten?
Störmann: Man muß sich artikulieren
können.
Obst (abwehrend): Null Bock!
Selka: Na, das ist doch'n Ding!
Fischer 1: Das sind die eigentlichen Gründe,
warum man im Abitur hin und wieder scheitert!
Obst (auf Fischer 1 zeigend): Er kann keine anderen
Götter neben sich haben!
Helfenbein: Da schnall ich ab, wenn ich das höre!
Selka: Ich glaube, das grenzt schon ans Maßlose,
eine Frechheit, eine Unverschämtheit!
Obst (drohend): Vielleicht können wir noch
einen kleinen Wettbewerb starten ...
Leonhardt: Und dann kommt's zum Zweikampf!
Selka: Das kann ich auch!
Obst: Präsentiert das Gewehr!
Selka zieht seine Boxhandschuhe an, Obst sucht nervös das Lehrerzimmer nach seiner Sporttasche ab, rüstet sich dann auch entsprechend aus und stellt sich in Kampfpositur ...
Selka (beginnt um Obst herumzutänzeln): Jetzt
wird's haarig!
Obst: Oh Gott, ich hab langsam gemischte Gefühle
...
Selka: Einige mauern heute wieder!
Obst: Lassen wir es erstmal dabei ...
Helfenbein: Leistungsverweigerung!
Bürger: Dann kriegst du 'ne Ordnungsmaßnahme.
Selka: Machen Sie Frühsport, wie ich!
Leonhardt: Der liebe Gott hat Unterschiede gemacht
in den Fähigkeiten.
Störmann: Da sieht man den Unterschied!
Selka (kichernd): Die haben Schiß vor mir!
Obst (nimmt all seinen Mut zusammen): Go to hell!
Bürger (von einem plötzlichen Verdacht
beschlichen): Wo ist das Skalpell?
Florian: Vermutlich auch beim Obst.
Obst: Unverschämt!
Bürger (zu Obst): Wo ist das Skalpell?!
Obst (verlegen): In Bochum ...
Selka: Würden Sie glauben, was er sagt?
Leonhardt: Ich habe so meine Bedenken, wenn ich
das höre.
Bürger: Wo ist das Skalpell??!
Obst: In Amerika!
Florian: Nee, das ist auch zu albern, glaub ich.
Bürger: Wo ist das Skalpell?!!
Obst: Haiti, Caribic, a tropical island ...
Selka: Völliger Schwachsinn ist das!
Bürger: Wo ist das Skalpell??!!!!
Störmann: Es muß raus!
Obst: Borneo, Kuala Solor!
Helfenbein (greift Obst an den Ärmel und
zieht das Skalpell daraus hervor): Guck mal, hier hab ich das!
Selka: Na, das ist doch 'n Ding!
Obst (erröternd): Peinlich ...
Selka: Das ist doch die Ferkelei!!
Obst (kriecht unter den Tisch): Jetzt weiß
es jeder! Eine echte Schande!
Es erhebt sich eine allgemeine Empörung über den von Herrn Obst geplanten unsportlichen Angriff, alle schreien durcheinander. Durch diesen Tumult verunsichert, bricht Herr Brenken weinend zusammen.
Brenken: Jetzt reicht's aber, es reicht, es reicht!
Das dürfen Sie nicht machen, ich bin auch sensibel! Sie machen mich
völlig befangen! ... Ich bin völlig fertig ... Erst werd ich
draußen hier rein gelockt ...
Bürger: Der Mensch ist ja schrecklich hilflos!
Florian: Bei Versagen Arbeitsplatzverlust!
Selka: Das System ist unmenschlich!
Brenken: Ich hab's mir nie leicht gemacht.
Selka: Wir wollen ihn entlassen!
Störmann: Das wollen fast alle hier auch.
Leonhardt: Weg damit!
Barnitzke: Können Sie ruhig lauter sagen.
Nur Herr Helfenbein hat Mitleid mit Brenken.
Helfenbein: Sagen Sie dem Herrn Fipper, das geht
nicht!
Barnitzke: Unser Direktor ist dafür.
Florian: Vermutlich auch beim Obst!
Herr Obst, der schon froh war, nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, schaltet schnell einen Kassettenrekorder ein, um von sich abzulenken.
Obst: Ein paar Songs habe ich hier auf Band, einige
Gospels
und Spirituals.
Barnitzke: Etwas lauter bitte!
Leonhardt: Beim ersten Höreindruck wirkt
die Sache nur chaotisch.
Störmann: Das hört sich ja ganz toll
an, ne?
Selka: Scheiße, große Scheiße
ist das!
Leonhardt: Tamtam ta di damta ...
Helfenbein: .. damda damda damda ...
Leonhardt: Dadadim ist zu kurz!
Obst: Das hier ist also mein persönlicher
Hit, vielleicht gefällt's jemand anderem auch noch.
Bürger: Leid' ich an Geschmacksverirrung,
oder was!?
Selka: Lieber den Walkman im Ohr, nichts hören,
nichts sehen.
Störmann: So wie Luther.
Leonhardt: Einer der ältesten von dieser
Sorte.
Florian: Er ist nicht vergleichbar mit Steinkühler
von der IG Metall!
Obst: Ja, nee, der lebt nicht mehr.
Selka: Mir geht's auch nicht so gut.
Leonhardt: Da sind wir als Lehrer unschuldig
dran!
Schweigen. Niemand weiß mehr etwas zu sagen, aber der Unterricht beginnt noch lange nicht ...
Helfenbein: Haben Sie dazu noch Fragen oder Anmerkungen?
Störmann: Was sind Apostolatsbewegungen?
Selka: Das ist das alte habsburger Wort.
Obst: Aus dem 19. Jahrhundert also.
Florian: Na, das war wohl mehr zu meiner Zeit!
Störmann: In Deutschland gibt es das nicht.
Florian: In Topiatigrad.
Selka: Das ist jetzt aber nicht das Thema!
Helfenbein: Vielleicht haben wir jetzt einen
Fall, wo das Thema wieder Scheiße ist.
Leonhardt: Das Thema wuchert, es verändert
sich dauernd.
Selka: Große Scheiße ist das!
Fischer 2: Das ist unschön, unschön
im Deutschen.
Störmann: Grob gesagt!
Florian: Ganz grob!
Wieder breitet sich Schweigen und gähnende Langeweile aus ...
Bürger: Leute, so können wir das nicht mehr machen, acht Wochen
lang!
Florian: Was kann man machen?
Leonhardt: Lesen Sie!
Selka: Das "Neue Deutschland" beispielsweise, oder den "Thüringer
Heimatboten"!
Obst: This is reading stuff for the proletarians and not for the high-society!
Barnitzke: Hab' ich zwar nicht verstanden, aber ...
Helfenbein: Das war alles deutsch.
Florian: In Ost-Berlin!
Leonhardt: Lesen Sie Prediger Salomo!
Störmann: Das ist so 'ne Art historischer Kriminalroman.
Leonhardt: Entschuldigung, das ist alttestamentarisch!
Störmann: Du kannst promovieren in Theologie ...
Leonhardt: "Denn es ist alles eitel."
Obst: Nee, das würd' ich nicht übernehmen, das ist 'ne ziemlich
gestelzte Redewendung.
Störmann: Man muß sich artikulieren können!
Plötzlich hat Herr Leonhardt eine neue Idee, wie die Langeweile bekämpft werden könnte ...
Leonhardt: Da ist ein Unterschied zwischen Mann und Frau!
Selka: Zweifellos, ja.
Fischer 1: Das hat sich herumgesprochen.
Brenken: Ja, hoffentlich.
Obst: Es kribbelt also irgendwo.
Bürger: Mann und Frau ist das Normale, alles wunderbar!
Florian: Gab's auch Filmberichte schon im Fernsehen!
Bürger: Und wenn der mit ihr schlafen wollte ...
Störmann: Das wollen fast alle hier auch!
Florian: Manchmal nicht nur einmal, sondern zwei- dreimal!
Leonhardt: Jeder sollte das probieren.
Bürger (übernimmt kurzentschlossen die Initiative): Mit wem
soll ich flirten?
Florian: Ich bin da!
Leonhardt: Ich wäre der krasse Gegenpol.
Obst: Jetzt geht's aber richtig los!
Florian: Meine Prognose: 87 haben wir den Höhepunkt erreicht.
Helfenbein: Benehmt euch bitte!!
Bürger: Aber warum eigentlich?
Selka: Mein Gott, lassen wir ihn machen.
Fischer 1: ... dem Lustprinzip folgend ...
Leonhardt: Hallo, bitte, nein, kommen Sie ...
Bürger: Was für euch Sünde ist, ist für mich Pflicht.
Störmann: Das sag mal Herrn Skeyde, dann ist aber was los!
Bürger: Mit der Sicht der Religion kann ich mich da nicht anfreunden.
Selka (empört): Die Damen bleiben natürlich angezogen!
Leonhardt: Ja, anziehen, unbedingt!
Bürger: Mann und Frau ist das Normale ...
Aber bevor die Situation weiter eskaliert, torkelt Herr Pape mit einem Six-Pack und einer Flasche Wodka unterm Arm ins Lehrerzimmer.
Pape: Ich bin voll!
Leonhardt: Dann muß ich Ihnen das mal ablaufen lassen. (Er
nimmt einen Schluck aus der Wodkaflasche und reicht sie dann im Kollegium
weiter.)
Selka: Nasdrowje!
Und so nimmt ein ganz normaler Schultag am AGH seinen Lauf ...